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Sommerkonzert in Pliening:Magnífico!

Kulturstadl statt Philharmonie: "Jamenco" geben in Pliening ein Konzert auf sehr hohem Niveau.

(Foto: Christian Endt)

Das Quartett "Jamenco" begeistert im Ottersberger Kulturstadl

Von Wolfgang Langsenlehner, Pliening

Inmitten bayerischer Wiesen und Felder, vor der rustikalen Holzwand von Rudi Zapfs Kulturstadl in Ottersberg bei Pliening durften am Samstag circa 140 Zuhörer einem Konzert der Extraklasse lauschen. Eigentlich wäre ein Ort wie die Philharmonie dem Niveau dieses Ensembles angemessen, oder die Olympiahalle, wegen der Menge an Besuchern, die es verdient hätte. So aber, unter den derzeitigen Bedingungen, treten Jamenco in dieser familiären Location auf und bescheren dem begeisterten Publikum einen genussreichen Abend.

Hausherr Zapf kündigt die Musik der Gruppe als "exakt und toll und preziös" an. Im Zentrum stehen Armin Ruppel an der Gitarre und Armin Woods am E-Piano, begleitet werden sie von Sepp Aschbacher am E-Bass und Michael Franzelin an Schlagzeug oder Percussion. Hier trifft Latin Jazz auf Flamenco, lateinamerikanische Klangwelten begegnen also spanischen Musiktraditionen. Genauso vielfältig wie brasilianischer Samba oder argentinischer Tango sind die Kompositionen, die Jamenco zum Besten geben. Einen feurig, schnellen Einstieg bietet "Libertango" von Astor Piazzolla, jenem argentinischen Bandoneonspieler, der den traditionellen Nationaltanz zum "Tango Nuevo" fortentwickelte und sich sowohl vom Jazz, als auch von der Klassik, etwa von Bach oder Bartók, inspirieren ließ. Schon hier zeigt sich eine Vorliebe von Jamenco: Traditionelle Musik wird durch andere Einflüsse erweitert, sodass eine Fusion entsteht, die Grenzen sprengt und neue Horizonte aufzeigt. Nach Argentinien steht Brasilien auf dem Programm und João Boscos "Latin Lover" knüpft rhythmisch an den Samba an.

Die Band Jamenco gestaltet ihre musikalische Reise überaus abwechslungsreich mit ruhigeren und schnelleren Stücken, mit mehr oder weniger langen Jazzimprovisationen, mit längeren und kürzeren Ausflügen zu den Wurzeln der unterschiedlichen Musiktraditionen. Das Publikum spendet bei besonders markanten oder virtuosen Soli direkt Applaus und lässt sich von der Spielfreude und Begeisterung der Interpreten mitreißen. Franzelin wechselt gekonnt vom treibenden, schnellen Schlagzeugspiel zu ruhigeren und behutsam akzentuierten Congatrommeln, bis hin zu zarten, unaufdringlichen Einsätzen nur mit dem Egg-Shaker. Auch wenn der Bass hauptsächlich eine feste, konstante Grundlage für die Soloinstrumente darstellt, so kann Aschbacher nicht nur durch sein präzises, klares Spiel begeistern, sondern darf sich in einer Handvoll Songs mit der Gitarre als Widerpart duellieren und bei der ersten Zugabe mit einem Solo sein Können voll ausspielen. Der stets fröhlich lächelnde Woods am E-Piano, das auch mal auf Orgelsound umgestellt wird, pfeffert seine Melodiefolgen, Soli und Improvisationen mit voller Hingabe aus seinen Händen, kann aber auch ein ruhiger, gefühlvoller Begleiter für Ruppel sein. Der Gitarrist selbst holt alles aus seinem Instrument heraus, was möglich ist: Ganz egal, ob es sich um romantische Melodien oder komplexe, atemberaubende und anspruchsvollste Jazzläufe handelt- mit Leichtigkeit gepaart mit absoluter Genauigkeit bringt er seine Interpretationen zum Klingen. Ein kurzes Kopfnicken, ein schneller Blick zu den Mitmusizierenden genügt, dass Jamenco klanglich und rhythmisch zusammenbleibt und trotz der vielen Einzelparts Musik wie aus einem Guss präsentiert.

Offen für neue Ansätze und musikalische Originalität spielen sie auch Lieder von Komponisten, die man nicht sofort erwartet. Beim lyrischen "Fragile" von Sting steuert Armin Woods einen gelungenen und überzeugenden Gesang bei. Auch "Spain" von Chick Corea überrascht, fügt sich mit den Orgelsoli, dem Ohrwurmrefrain und flamencohaftem Gitarrenspiel aber perfekt ins Programm. Nach der Pause starten Piano und Gitarre ohne Rhythmussektion und spielen "Guardian Angel" von John McLaughlin, das sich auch auf der legendären Platte "Friday Night in San Francisco" befindet - einer der absoluten Höhepunkte der Kategorie "klassische Akustikgitarre" und eines der Referenzwerke von Ruppel und Jamenco. Sowohl von Al Di Meola als auch von Paco De Lucia werden Songs gespielt, den beiden Mitstreitern auf der berühmten Aufnahme. Den Vergleich mit diesen Großmeistern braucht Ruppel indes nicht zu scheuen: Er könnte bei ihnen durchaus mitspielen oder gleich ein eigenes Stück beisteuern, denn auch "Antonio", die einzige Eigenkomposition des Abends, beinhaltet komplexe Bass- und Gitarrenläufe, garniert mit kräftigem Schlagzeug.

Der zu zwei Zugaben herausfordernde Applaus und die freudigen wie bewundernden Reaktionen des Publikums zeigen deutlich den überspringenden Funken dieser fantastisch gespielten Musik und lassen dieses musikalische Erlebnis noch lange innerlich nachhallen. Magnífico, Jamenco!

© SZ vom 10.08.2020

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