SC Baldham Der Stadion-DJ

Der Sportreporter: Seit er denken kann, interessiert sich Moritz Steidl für Sport. Als Stadionsprecher in Baldham kann er seine Leidenschaft ausleben.

(Foto: Christian Endt)

Moritz Steidl sitzt am Stadion in Vaterstetten in der Sprecherkabine

Von Alexandra Leuthner, Vaterstetten

Die Hitze liegt schwer über der imposanten Sportanlage des SC Baldham-Vaterstetten, es wirkt fast so, als hätte dieser Sommer den Spielbetrieb lahm gelegt, über den Neben- und Übungsplätzen flimmert die Luft. Abgesehen von dem jungen Mann an der Kasse und ein paar Durstigen am Stadionkiosk deutet nichts darauf hin, dass hier in knapp einer Stunde zwei mal elf Fußballspieler mit vehementem Einsatz von Vokabular und Körperkräften versuchen werden, sich gegenseitig Bälle in die Tore zu dreschen.

Nur eine markante Stimme, die sich über der Weite des Stadions erhebt, kündigt von den kommenden Ereignissen. Moritz Steidl sitzt, ein Mikrofon in der Hand, bereits in der Sprecherkabine, und checkt den Sound für seinen Einsatz. Sein Cousin Oliver Conle steht draußen vor dem Glaskasten, der zwischen blauen, schweren Metallstreben über dem Einlauf ins Stadion hängt, und gestikuliert: mal Daumen nach oben, mal nach unten. Eine Lautsprecherbox funktioniert an diesem Abend nicht richtig, ein Teil von Steidls Ansagen verschwindet im Off. Ein wenig ärgerlich für den 24-Jährigen, der eine halbe Stunde später die ersten Musikstücke von seiner Playlist abspielen und die Ansagen für das Spiel der Heimmannschaft gegen den TSV Buchbach II machen wird.

Doch gegen die Tücken der Technik kann er im Moment nichts tun, die Fußballer haben eben erst angefangen, sich auf einem Nebenplatz aufzuwärmen. Steidl hat genug Zeit, es sich auf einer der Tribünenstufen gemütlich zu machen und zu erzählen, wie es kam, dass er Stadionsprecher in Baldham wurde. "Seit ich denken kann, war Sport mein ein und alles", erzählt er, "Fußball eigentlich sogar am wenigsten", ergänzt er und lacht. "Aber ich bin trotzdem immer mit meinen Freunden zum Fußballspielen gefahren", die anderen mit dem Rad, er selbst mit einem City-Roller. Steidl ist ohne Oberarme und Oberschenkel geboren, "ich konnte nicht Fahrrad fahren, ich habe keine Knie". Viele seiner Freunde seien irgendwann zum SC Baldham gegangen, so dass er die meisten der Spieler der Herrenmannschaft schon lange kennt. Er selbst habe mit dem Tennisspielen begonnen. "Hin und weg" sei er vom Tennis gewesen, nach dem Finalmatch Federer gegen Nadal 2008 in Wimbledon, und habe anschließend in der Garage Bälle mit einem Besen geschlagen, bis ihn seine Eltern zum Tennisunterricht schickten. Inzwischen spielt er auch Golf - wenn er noch die Zeit dazu hat.

Seit 2016 ist er Stadionsprecher in Baldham, hat ein Jahr lang die Stadionzeitschrift betreut - und als studierter Sportjournalist auch dafür alles gegeben. "Wie oft bin ich bis spät nachts dagesessen", erzählt er. Dann bot sich im Frühjahr 2017 die Gelegenheit für eine Anstellung bei dem Internet-Sportportal Dazn, und da konnte er nicht nein sagen. "Zumal Fernsehen das einzige war, was ich bisher noch nicht gemacht hatte." Erfahrungen hatte er in einem Praktikum bei der Bildzeitung, beim Ausbildungsradio M 94,5 und Radio Oberland gesammelt, und auch bei einem lokalen Medienbüro. Eine Bewerbung beim Sportsender Sky scheiterte, aber ein Betriebspraktikum bei der Konkurrenz Dazn ebnete ihm den Weg zu seiner ersten Redakteursstelle, den Studienabschluss gerade erst in der Tasche.

"Aber ich versuche trotzdem, bei allen 15 Heimspielen des SC da zu sein." Und nichts von seinem Anspruch aufzugeben. "Was ich mache, mache ich richtig", sagt Steidl und demonstriert, was er meint. Ein Ablaufplan listet genau auf, was er wann an so einem Fußballabend tut, von den ersten Songs, die er spielt, über die O-Töne, die er vor dem Spieltag eingesammelt hat, meistens von verletzten Spielern oder Funktionären des Vereins. Zum Einmarsch der Sportler spielt er die Titelmelodie aus "Mission Impossible", stellt die Spieler von Heim- und Gastmannschaft vor. In der Halbzeit dann bittet er zum Interview, ganz wie die Profis bei den Fernsehsendern, nur, dass er alles alleine machen muss - fast. Cousin Oliver ist auch hier an seiner Seite. "Wenn ich zum Interview unten stehe, dreht er oben das Soundbett herunter", berichtet Steidl.

"Nach dem Spiel sage ich natürlich die Ergebnisse und den Tabellenstand durch, lasse die Musik noch ein paar Minuten laufen, da hören dann hoffentlich ein paar mehr Leute zu", sagt er und deutet lachend auf die noch fast leeren Tribünen. Er lacht gerne und viel, auch als er jetzt auf seinen Stuhl hinter dem großen Mischpult steigt. Immer wieder steckt ein Bekannter oder Vereinsfan die Nase zur offenen Tür herein. "Servus DJ", ruft einer, klatscht ihn ab, "viertes Spiel, vierter Sieg heute, oder?"

Die Stimmung ist prächtig, der Stadionsprecher fiebert dem Spiel entgegen - und dem Augenblick, wenn er die Regler hochziehen und loslegen kann. "Ich tue nichts lieber als reden", sagt er, "und jede Minute, in der ich ein Mikrofon vor meine Klappe halten darf, ist für mich eine gute Übung." Dann dreht er sich zu seinem Mischpult und konzentriert sich auf seine Aufgabe. Am Ende wird er verkünden dürfen, dass Baldham-Vaterstetten auch dieses Spiel in der Bezirksliga gewonnen hat, mit 2:1.