Prozess am Landgericht:Angst und Ekel

Ein psychisch kranker 29-Jähriger soll am Zornedinger Bahnhof mehrere Frauen sexuell belästigt haben. Nun muss die Justiz klären, ob er schuldfähig ist

Von Andreas Junkmann, Zorneding/München

"Es war wie ein Schlag für mich", sagte eine der Frauen zum Prozessauftakt. Die andere gab an, total perplex gewesen zu sein, eine weitere Geschädigte litt laut eigener Aussage noch Monate nach dem Vorfall an Schlafstörungen. Alle drei hatten gemeinsam, dass sie vergangenes Jahr rund um den Zornedinger Bahnhof die unliebsame Bekanntschaft mit einem 29-Jährigen machten. Dieser soll eine der Geschädigten zunächst bedrängt und schließlich auch am Arm gepackt haben. Den anderen beiden soll er in aller Öffentlichkeit sein erigiertes Glied gezeigt und dabei anzügliche Bemerkungen geäußert haben. Nun musste sich der Mann dafür vor dem Landgericht in München verantworten.

Dorthin war er am Donnerstagmorgen direkt aus dem Inn-Salzach-Klinikum gebracht worden, wo der Angeklagte seit seiner Verhaftung im Oktober vergangenen Jahres untergebracht ist. Ihm legte die Staatsanwaltschaft gleich mehrere, teils schwerwiegende Vergehen zur Last. Demnach habe er Mitte September vergangenen Jahres am Bahnhof in Zorneding ein damals 16-jähriges Mädchen angesprochen. Nachdem dieses den Fremden zurückgewiesen habe, soll er sie am Arm gepackt, gegen eine Wand gedrückt und versucht haben, sie zu küssen. Erst als eine S-Bahn einfuhr, habe er von der jungen Frau abgelassen.

Wenige Stunden später am selben Tag habe er eine damals 16-Jährige angesprochen und sich dabei an seinem Glied gerieben. Schließlich öffnete er seine Hose und versuchte die Jugendliche zu umarmen. Diese ergriff die Flucht, doch der Mann verfolgte sie. Erst als sich die junge Frau hilfesuchend an einen Passanten wandte, habe der Angeklagte das Weite gesucht. Einen Monat später ist der Mann erneut auffällig geworden, als er an der Bahnunterführung zwischen Pöring und Zorneding masturbiert haben soll. Einer 36-jährigen Mutter, die gerade mit ihren beiden kleinen Kindern vorbeikam, soll er ihr in derben Worten zugerufen haben, ob sie Sex mit ihm wolle. Auch zwei etwa 13 Jahre alte Mädchen haben den Vorfall beobachtet.

Inwieweit der 29-Jährige aber überhaupt für seine Vergehen verantwortlich gemacht werden kann, muss nun die Verhandlung in München zeigen, die am Donnerstag begonnen hat. Ärzte haben bei dem Beschuldigten eine Schizophrenie diagnostiziert, er sei deshalb nicht in der Lage gewesen, das Unrecht seiner Tat einzusehen, wie bereits die Staatsanwältin in der Anklage einräumte. Aufgrund der Vorkommnisse und infolge seines Zustandes, müsse man allerdings von weiteren rechtswidrigen Taten ausgehen. Der Angeklagte sei "für die Allgemeinheit gefährlich", wie die Juristin sagte.

Und tatsächlich machte der Mann vor Gericht einen etwas verwirrten Eindruck. Die Frage von Richter Martin Hofmann, ob er sich denn selbst krank fühle, verneinte er. Auf die Schizophrenie angesprochen entgegnete der Mann, das würde man zu allen Leuten sagen, die im Krankenhaus sind. Auch aus seinem früheren Leben erzählte der Angeklagte Haarsträubendes: Demnach sei er nach Europa gekommen, um einer Gruppe Kannibalen zu entgehen, der sein Vater angehört habe. Man habe ihn dazu zwingen wollen, Menschenfleisch zu essen. Daraufhin habe er die Flucht ergriffen. Was von davon der Wahrheit entspricht, ließ sich zunächst vor Gericht nicht klären.

Dass die Angaben der drei Frauen aber frei erfunden seien, davon war der Angeklagte überzeugt. "Ich hab' die Sachen nicht begangen", sagte er. Eines der Mädchen kenne er gar nicht, dem anderen habe er lediglich eine Zigarette angeboten. An beiden Tagen habe er in der Nähe des Bahnhofs in die Büsche uriniert, das hätten die Frauen wohl fehlinterpretiert. Diese aber zeichneten ein ganz anderes Bild des 29-Jährigen. "Er hat sich die ganze Zeit ans Glied gefasst und daran gerieben", sagte eines der Mädchen während der strafrichterlichen Vernehmung, die nun im Gerichtssaal per Video abgespielt wurde. Die Mutter der beiden Kinder war am Donnerstag selbst in München vor Ort und berichtete im Zeugenstand, wie der Angeklagte es genossen habe, in aller Öffentlichkeit zu masturbieren. "Ganz ruhig stand er da", sagte die Frau.

Nicht zuletzt diese Aussage belastete den Beschuldigten schwer, denn wie Richter Hofmann anmerkte: "Warum sollte die Zeugin so einen Unsinn erzählen?" Eine wirkliche Antwort darauf konnte der 29-Jährige am Donnerstag nicht geben. Noch ist der Prozess aber nicht vorbei, es sind drei weitere Verhandlungstage angesetzt.

© SZ vom 10.09.2021
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