Premiere in Süddeutschland Ein Platz, auf dem Ideen wachsen

Seit Mittwoch findet in Vaterstetten das erste Klimacamp Süddeutschlands statt. An den ersten beiden Tagen kamen mehrere hundert Menschen, um an Workshops, Gesprächen und Podiumsdiskussionen teilzunehmen. Bis Sonntag noch gibt es ein buntes Programm für alle Interessierten

Von Johanna Feckl, Vaterstetten

"Die globale Klimakrise ist eine rassistische Krise", hatte Leonhard Martz vorab in einer Pressemitteilung betont. Nun steht Martz auf dem alten Volksfestplatz in Vaterstetten und blinzelt gegen die Sonne. Um ihn herum Zelte, große und kleine, weiße und schwarze. Viele. Es ist Donnerstagmorgen, der zweite Tag des ersten Klimacamps München. In der Landeshauptstadt eine Freifläche für ein Camp zu finden, ist schwierig. Deshalb findet das Münchner Camp in Vaterstetten statt. Mit der Veranstaltung wollen die Organisatoren auf die Dringlichkeit für Klimaschutz hinweisen, Menschen eine Plattform bieten, um sich zu vernetzen und gemeinsam in Aktion zu treten. Leonhard Martz ist einer der Hauptorganisatoren und von Beginn an dabei.

Für Kinder gibt es beim Klimacamp München ein eigenes Programm - so helfen Wanja und Jonas fleißig beim Stadtgärtnern mit.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Klimacamps gibt es schon seit einiger Zeit in Deutschland. Vor neun Jahren fand das erste im Rheinland statt, in Garzweiler - ein Ort, der in den 1980er-Jahren an seinen heutigen Standort umgesiedelt wurde, um Platz für den gleichnamigen Braunkohletagebau zu schaffen. Es entstanden weitere Camps in Leipzig und auch in Österreichs Hauptstadt. Nur in Süddeutschland gab es bislang keines.

Das Prinzip bei allen Camps ist dasselbe: In verschiedenen Workshops zu unterschiedlichen Aspekten rund um das Thema Klima können sich die Teilnehmenden informieren und austauschen, miteinander diskutieren und gemeinsam Aktionen planen. Es gibt freie Zeiträume, um den Campteilnehmern Platz für eigene Ideen und Vorschläge zu geben. Das Abendprogramm gestaltet sich aus Film- oder Theatervorführungen und Podiumsdiskussionen. Die Teilnahme an den Camps läuft auf Spendenbasis. Das Gros der Kosten finanzieren verschiedene Stiftungen, Sponsorings und Crowdfunding-Aktionen. Und es wäre freilich kein richtiges Camp, wenn nicht auch die Möglichkeit zum Campen bestünde. Aber was hat nun das Klima mit Rassismus zu tun, wie Martz in seiner Pressemitteilung behauptet? "Im Moment herrscht eine Ungerechtigkeit", erklärt er und führt weiter über das Gelände des Camps. Diejenigen Länder, die am meisten unter dem Klimawandel zu leiden hätten, "haben gar nichts dazu beigetragen". Afrikanische Länder südlich der Sahara etwa. Es sind arme Länder - unter anderem, weil sie der Kolonialismus arm gemacht habe. Man könnte also sagen: Es ist nicht gerecht.

Sanitäre Einrichtungen wie Duschen und Waschstellen haben die Organisatoren selbst geschreinert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Ökologische Probleme können nur dann gelöst werden, wenn man auch soziale Probleme löst", sagt Martz. Das eine bedinge nun einmal das andere, und umgekehrt. Zum Beispiel: Schon jetzt zwinge der steigende Meeresspiegel Menschen aus den Küstenregionen südlich der Sahara zur Flucht. Das Klimacamp begreift sich als Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung, die versucht, eine Brücke zwischen den beiden Problempolen zu schlagen.

Leonhard Martz bleibt stehen. Vor ihm ist das Kinderzelt. An diesem Vormittag steht hier Stadtgärtnern auf dem Tagesprogramm. Den Organisatoren ist wichtig, dass sich auf dem Camp jeder willkommen fühlt: Schülerinnen und Schüler, Studierende, Mütter, Väter, Berufstätige, Kinder, Senioren, Neulinge und alte Hasen in Sachen Klimaschutz. Deshalb ist auch für eine Kinderbetreuung gesorgt und Barrierefreiheit gewährt.

Die Workshops finden in vier Zelten statt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auf dem Klimacamp München verteilen sich die unterschiedlichen Workshops auf vier Zelte. In Zelt drei lautet das Thema am Donnerstagmorgen "Grünes Fliegen: Gibt es das?" Laura Machler vom Bündnis "Am Boden bleiben" sitzt neben einer Flipchart. Sie leitet den Workshop. Auf Bierbänken sitzen reihum etwa 20 Teilnehmer. In den anderen drei Workshopzelten sieht es ähnlich aus. Die Grundfrage ist schnell geklärt: Nein, "grün" fliegen, also klimafreundliches Fliegen, gibt es nicht - zumindest noch nicht. "Das Problem ist, dass auf diesem Gebiet viel zu wenig geforscht wird", sagt Laura Machler. Deutsche NGOs wie etwa Greenpeace würden sich mit dem Thema Fliegen nur mäßig auskennen. "Am Boden bleiben" möchte das ändern.

Bei Machlers Erzählungen geht es um Klimaabkommen und -ziele, Bündnisse und NGOs, Vorschläge zu Aktionen und Maßnahmen, um den Flugverkehr einzudämmen. Fast jeder der Teilnehmer notiert sich Stichpunkte. Es sind viele neue Infos. Und nach dem Workshop ziehen die meisten der Teilnehmer zum gemeinsamen Mittagessen los. Sie wollen eine regionale Am-Boden-bleiben-Gruppe gründen.

Das Klimacamp München dauert bis Sonntag, 9. September. Am Freitag, 7. September, finden von 10 bis 17 Uhr diverse Workshops statt, wie "Klimaschutz im Kapitalismus - Ein (un)mögliches Unterfangen?" oder "Erfolgreicher Widerstand gegen eine 3. Startbahn in München". Um 20 Uhr gibt es eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wir gestalten die Mobilitätswende! Hindernisse - Potenziale - Chancen". Das vollständige Programm ist unter www.klimacamp-muenchen.org zu finden.