Premiere am Donnerstag Ankunft mit Messer und Gabel

Zum zweiten Mal bringt das Integrationstheater des Alten Kinos eine Eigenproduktion auf die Bühne. Es geht um Freundschaft, Liebe, Tanz und - Schweinebraten

Von Theresa Parstorfer

Den Tisch für ein deutsches Frühstück zu decken, ist gar nicht so einfach. Findet Billy. Gehört die Gabel links oder rechts hin? Billy kommt aus Mali und dort ist das einfacher mit den Regeln am Tisch. Vielleicht kennt er die Gebräuche dort auch nur besser, denn nach Deutschland ist er erst vor ein paar Jahren gekommen. Billy heißt eigentlich Sam Diattara, Mali ist aber wirklich sein Herkunftsland. Schon zum zweiten Mal ist der große junge Mann beim Integrationstheater des Alten Kinos dabei, er gehört also zum "harten Kern" der Truppe.

Zehn Schauspieler umfasst dieser harte Kern, sechs junge Männer aus Mali, Eritrea, Libyen, Somalia und Afghanistan, eine Kubanerin, sowie drei junge Ebersbergerinnen. Jeden Dienstag treffen sie sich im Alten Kino, drei Stunden lang wird geprobt. Gerade geht es in die "heiße Phase", da kommt dann noch das ein oder andere Wochenende dazu. Denn am Donnerstag, 17. Mai, feiert das neue Stück "Gestrandet - oder der tägliche Kampf um die Fernbedienung" seine Premiere. Selbst entwickelt haben die Schauspieler die Geschichte, in Improvisationen, angelehnt an ihre Erfahrungen in Deutschland. Aber auch die Flucht wird immer wieder thematisiert. Abdulaziz Bah etwa erzählt, wie es war, auf dem Boot von Libyen nach Italien, tagelang "ohne Essen, ohne Trinken, ohne Toilette, mit toten Menschen", und wie dann, als er angekommen ist, auch seine "Füße tot waren", vom langen Sitzen.

Nachdem die erste Produktion der Gruppe im vergangenen Jahr noch aus unzusammenhängenden Episoden bestand, "wollten sie in diesem Jahr eine durchgängige Handlung mit festen Charakteren aufführen", sagt Regisseurin Frieda Wilhelmi. Sie ist Theaterpädagogin, betreut noch weitere Projekte in München, aber im Moment haben die Ebersberger oberste Priorität. Jedes Mal freue sie sich auf die Probe, wunderschön sei es, zu beobachten, wie sich die jungen Menschen entwickelten. "Wie sie sich in der Gruppe vertrauen, aber wie sie sich auch selbst mehr zutrauen", sagt sie, keine Angst mehr davor haben, sich lächerlich zu machen, aber auch nicht davor, eigene Ideen einzubringen. Yohannis Gebre ist da so ein Beispiel, ein sehr zurückhaltender junger Mann aus Eritrea. Er habe irgendwann einmal ganz leise gesagt, er würde dichten. Jetzt ist eines seiner Gedichte der Schlussmonolog.

In ihrer Unterschiedlichkeit steuern die Teilnehmer alle etwas bei zum Gelingen der Produktion. Auch wenn der Text während dieser Probe noch etwas locker sitzt, und Wilhelmi immer wieder "Stop" ruft, erklärt, worum es gerade geht, wie die Tonalität einer Aussage sein soll, sind die Jungs gelassen. "200 Prozent Spaß" macht Ahmed Ali das Theaterspielen, Robin Redea übertrumpft das: "Bei dir 200 Prozent? Bei mir sind es 500!" Da lachen sie alle und schenken sich in der Verschnaufpause noch Apfelsaft ein.

Auf die Frage, worum es denn geht in ihrem Stück, schauen sich die Darsteller erst einmal an, gefolgt von einem langen "Ohhhh". So einfach sei das nicht zu beantworten. Ein bisschen etwas verraten sie dann aber doch: Es gehe um Freundschaft, Liebe, um Tanzen - und um "Schweinebraten". Noch einmal Gelächter. Mehr Zeit zum Reden haben sie nicht, denn Wilhelmi hat einen straffen Zeitplan und eine laute Stimme, sodass die Truppe schnell wieder auf der Bühne steht. Die Frühstückszene ist dran, in der Sam alias Billy den Tisch decken will für seine deutsche Freundin, seinen Bruder sowie dessen Frau, die endlich auch nach Deutschland kommen durfte. Der Theatergruppe gelingt es sowohl im Stück als auch in den Proben und im privaten Miteinander, das Thema kultureller und sprachlicher Unterschiede humorvoll und gleichzeitig sensibel aufzugreifen.

Sam soll seine Schwägerin in seiner Muttersprache begrüßen. Würde er sie in der Realität umarmen?, will Wilhelmi wissen. "Nein, nicht umarmen", sagt Sam, das ginge nur bei einem Mann. Nächste Unklarheit: Nadine Spirgatis, die die Rolle der Schwägerin spielt, kommt aus Deutschland und spricht kein Wolof, Sams Muttersprache. "Aber was ist, wenn die Zuschauer merken, dass ich nicht antworten kann?", will sie von Wilhelmi wissen. "Ich kann jetzt nicht noch jedem von euch Wolof beibringen", erwidert die Regisseurin und bezweifelt obendrein, dass viele im Publikum diese Sprache verstehen.

Nach dem Erfolg der ersten Produktion gibt es das diesjährige Stück an drei Terminen im Landkreis sowie einmal in München zu sehen. Das Lustspielhaus hat die Schauspieler eingeladen, darauf freuen sie sich ganz besonders. Noch haben sie ein paar Tage, ein paar deutsche Frühstücke Zeit, bis der Text dann wirklich sitzen muss.

"Gestrandet - oder der tägliche Kampf um die Fernbedienung" ist im Alten Kino am Donnerstag, 17., und Freitag, 18. Mai, zu sehen. Karten gibt es online unter www.kultur-in-ebersberg.de oder unter (08092) 2559205. Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 20.30 Uhr, Haus und Küche öffnen eine Stunde davor. Außerdem gibt es noch eine Vorstellung am 24. Juli im Alten Speicher und am 27. Mai im Lustspielhaus in München