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Planspiel am Gymnasium Grafing:Wissen, wie es geht

Schülerinnen und Schüler lernen die Funktionsweise der EU kennen

"Was fällt Euch zum Thema Energiepolitik ein?" Diese Frage stellt Projektmanagerin Julia Strauß in der Aula des Gymnasium Grafing etwa 60 Schülerinnen und Schülern der zwölften Klasse. Braunkohle, erneuerbare Energien, Arbeitsplätze, Atomkraft, flächendeckende Versorgung, tönt es nach und nach aus der Runde. Es ist der Beginn eines Planspiels, noch gibt es einige verschlafene Gesichter, doch im Laufe des Tages werden hitzige Debatten entstehen, ein Glöckchen muss dann immer wieder zur Ordnung rufen. Strauß erklärt, was die gesammelten Begriffe mit der Aufgabe des Tages zu tun haben: Die Schüler sollen als Vertreter der europäischen Kommission, des Parlaments oder des Ministerrats am Ende über einen energiepolitischen Gesetzesentwurf abstimmen.

Weil die Rollen ausgelost werden, müssen sich die Schülerinnen und Schüler teilweise auch mit ungewohnten Perspektiven auseinandersetzen. Rebekka und Theresa beispielsweise, beide 17 Jahre alt, vertreten im Parlament die "Identität und Demokratie", eine nationalistisch und rechts orientierte Fraktion also. Für die beiden Zwölftklässlerinnen stellt das einen deutlichen Kontrast zu ihren eigenen politischen Ansichten dar, trotzdem müssen sie jetzt deren Argumente vertreten: "Am Anfang war es schwierig, sich mit der Rolle zu identifizieren, aber am Ende hat man richtig mitgefiebert und ist auch empfindlich geworden." Zusätzlich zu den Vertretern der europäischen Organe mischen Verbraucherschützer, Umweltaktivisten, Interessensvertreter aus Maschinenbau und der Energiewirtschaft in der Diskussion mit. Dass das Spiel jeden mit einbezieht und keine stillen Zuschauer vorgesehen sind, kommt bei den Teilnehmenden gut an.

Wie lange dauert es, infrastrukturelle Grundlagen in einem Land zu verändern? Wie finanziert man eigentlich den Ausbau eines Stromnetzes, über staatliche Mittel, EU-Fördergelder oder sollen die Stromanbieter zur Kasse gebeten werden? Wird das Verfehlen eines gesetzten Zieles sanktioniert oder das Erreichen belohnt? Nachdem die Schülerinnen und Schüler sich in ihre Rollen eingearbeitet haben geht es daran, einen Gesetzesentwurf zur gemeinsamen Energiepolitik der EU-Länder zu diskutieren, Änderungsvorschläge einzubringen und darüber abzustimmen. Jürgen Gmelch von der Vertretung der europäischen Kommission in München blickt den Schülerinnen und Schülern beratend über die Schultern, er möchte dabei vor allem eines vermitteln: "Europa ist halt nicht so einfach, das sind 28, da kann ich nicht alleine entscheiden!"

Die Lehrerin Margot Klinger hat das Planspiel an die Schule geholt, sie kritisiert scharf, dass der Sozialkundeunterricht mit nur einer Wochenstunde aktuell zu wenig Raum im Stundenplan der Schülerinnen und Schüler einnehme. Die Europäische Union wird im ersten Halbjahr der zwölften Klasse behandelt, deswegen startete die Lehrerin bereits im Juni die Organisation des Planspiels für die 120 Zwölftklässler. Unterstützung fand sie bei Ana-Maria Nagl von der Vertretung der europäischen Kommission in München, gemeinsam mit der Regensburger Kommunikationsagentur Valentum wurde der Spielablauf detailliert geplant. Weil die 120 Schülerinnen und Schüler den Rahmen eines Spieles deutlich überschreiten, laufen zwei Durchgänge parallel. Auch Klinger erhofft sich vom Planspiel vor allem, dass die Schülerinnen und Schüler politische Prozesse als Verhandlungen zwischen verschiedensten Interessen verstehen.

Der Gesetzesentwurf zur Energiewirtschaft, der in ähnlicher Form auf EU-Ebene angenommen wurde, wird hier am Ende des Tages nicht verabschiedet, die Teilnehmenden sind erschöpft und es wäre doch noch so Vieles zu besprechen gewesen. Rebekkas Fazit: "Man merkt halt irgendwie, wie deprimierend das in der Politik ist."