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Noch zu sehen bis 27. Oktober:Der Geruch von Rot und Sterblichkeit

C.A. Wasserburger war Gründungsmitglied des Wasserburger Kunstvereins, er starb 2018. Nun zeigt das Ganserhaus seine "Hinterlassenschaft" - und damit die Geschichte eines Mannes, der sich am Leben abarbeitete, und immer auch an sich selbst

Im Keller riecht es rot. Denn im Keller wartet der Wein. Roter, längst getrockneter Wein, der dem Duft nach von vergessenen, vergorenen Trauben erzählt. Dass Rotwein nicht nur zum Trinken da ist und nach Wein riecht, sondern auch als Farbe dienen kann, zeigt die Ausstellung "Hinterlassenschaft" von C.A. Wasserburger, die derzeit in der Galerie des AK 68 im Ganserhaus zu sehen ist.

Im weiß getünchten Kellergewölbe steht eine weiße Badewanne auf einer steril anmutenden Plastikplane, die so aussieht, als hätte sie jemand nach beendeten Malerarbeiten vergessen. Tatsächlich wurde gemalt. Von C.A. Wasserburger, dessen Badewanne das ist, die da in der Mitte des Raumes steht, neben einer ansehnlichen Sammlung aus Weinflaschen. Leer, voll, halb voll. Ihren Inhalt hat der Künstler auf großen Papierbögen verteilt und über weiße Hemden und Leinenfetzen gegossen, die nun an den Wänden hängen. Rot rot rot im Weiß, und ja: Rot ist hier unten ein Geruch, es riecht rot.

Vielleicht hat C.A. Wasserburger den Wein zumindest zum Teil auch getrunken. Wer weiß das schon. Nicht aufgeräumt wirkt die Szene, doch zurückkommen wird der Künstler nicht. Denn Alexander Hatzl, wie C.A. Wasserburger eigentlich hieß, ist im vergangenen Jahr nach einer Herz-Operation überraschend gestorben. Er war ein für Wasserburg wichtiger Künstler, ein Gründungsmitglied des Kunstvereins AK 68. Deshalb scheint es richtig, nun noch einmal eine Auswahl seiner Werke an dem Ort zu zeigen, an dem für ihn vieles begonnen hatte, und den es ohne ihn vielleicht gar nicht geben würde.

Bekannt wurde C.A. Wasserburger mit Bildern aus Blei und Rost. Massive Werke, in dunkelsten Tönen von grau bis schwarz oder rostrot, so plastisch, dass die Oberflächenkonsistenz erahnbar ist, ohne sie berühren zu müssen, glatt und kalt oder rau wie Schmirgelpapier. In Glaskästen wiederum arrangierte er, in der Tradition des Objet trouvé, beliebt ab Mitte des 20. Jahrhunderts, Alltagsgegenstände oder gar Müll: Dinge, die durch das Auge des Künstlers zu Kunst werden. Schwemmholz, Plastiktüten, Sand, Elektroschrott.

C.A. Wasserburger stellte in ganz Deutschland und auch international aus, zuletzt sogar in Japan. Zuhause war er aber immer in Wasserburg. So zuhause, dass er den Namen der Stadt zu seinem Künstlernamen machte. Ein Wasserburger eben, der alleine in einem ehemaligen Sennerhaus in Untereinöd am Inn lebte.

Exzentrisch, könnte man sagen - und läge damit vermutlich nicht ganz falsch. Die Werke, die seine Tochter Silvia Hatzl, ebenfalls Künstlerin, und Katrin Meindl, Zweite Vorsitzende des AK 68, zum Ausstellungs-Nachruf konzipiert haben, erzählen die Geschichte eines Mannes, der suchte, schaffte, sammelte - leere Klopapierrollen, Engelsfigürchen, Bleistiftstummel, Drähte, Gläser, Schuhe. Ein Mann, der sich am Leben abarbeitete, und immer auch an sich selbst und der eigenen Position im Leben. Der sich konfrontiert sah mit der Unausweichlichkeit, dass die Zeit vergeht, dass Leben vergeht. Es gibt Fotos, Selbstporträts, auf denen der Künstler immer nackt ist. Die Nacktheit vor dem Leben, aber auch vor dem Tod, das ist das Thema.

"Ein Tod ist eine Befreiung von einem Leben. Von einem Leben, das durch einen Zufall entstanden ist. Und ein Leben hat dann auch ein zufälliges ich, mit einem Körper und einer Seele", das steht in einem Fragment seiner Notizen, abgedruckt in einem Sammelband, den Künstlerfreunde anlässlich seines 60. Geburtstages veröffentlicht haben.

Geschrieben hat C.A. Wasserburger viel - auch das zeigt die aktuelle Ausstellung. Ein ständiges Produzieren und Reproduzieren des Selbst und der jeweiligen Lebensphase, die Ausdruck in der Kunst verlangte: Im hinteren Raum stehen in einem Regal feinsäuberlich aufgereiht verschlossene Schraubgläser, gefüllt mit etwas, das erst bei näherem Hintreten als gekräuseltes Spitzer-Erzeugnis erkennbar wird. Bleistift um Bleistift schrieb Wasserburger stumpf und klein. Was dabei herauskam - abgesehen von den braunen Spitzerlocken - hängt an der Wand daneben. Papierplakate so eng und akkurat bekrakelt, dass die Schrift nicht mehr zu entziffern ist. Worte über Worte, geschrieben in den Nächten, da der Künstler nicht schlafen konnte und so zum Schreiber wurde.

Das Manische, Getriebene, das angesichts dieser Wort- und Sammelflut greifbar wird, scheint auf die Spitze getrieben in den Tagebüchern, die der Künstler mit mehreren Eisengürteln zusammenschweißen ließ. Ein solider Block aus Gedanken und Fantasien. Unzugänglich für neugierige Leseraugen. Zu dunkel, zu gefährlich - ja, zu böse seien die Inhalte dieser "Nachttagebücher", heißt es auf einem Schild auf dem Boden vor dem Kunstwerk.

Eine Düsterheit gekleidet in milchiges Weiß, kraftvolles Grau und lebendiges Schwarz zieht sich durch die ganze Ausstellung - auch das Rot des Weins im Keller reiht sich da ein, hinterlässt einen bitter-schalen Nachgeschmack. Im ersten Stock segeln Holzschiffe auf einen schwarzen Horizont zu, "ohne Hoffnung", wie der Titel verrät. Doch genau in dieser Schwere liegt auch eine Befreiung. Ein "Es-ist-so-wie-es-ist", ein "das-Leben-trotzdem-umarmen". Im letzten Raum steht mit Bleistift an die Wand geschrieben, was sich C.A. Wasserburger als Grabaufschrift wünschte: "Als wäre nichts gewesen". Als verwandle sich all die Schwere, die ein Menschenleben sammelt, mit dem Tod in: nichts. Vielleicht aber auch in Leichtigkeit.

Die Ausstellung "Hinterlassenschaft" von C.A. Wasserburger in der Galerie im Ganserhaus ist bis Sonntag, 27. Oktober, donnerstags bis sonntags jeweils zwischen 13 und 18 Uhr zu sehen.