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Neues Jugendorchester:Spielerisch im Rhythmus des Taktstocks

Tassilopreisträger Maximilian Leinekugel probt für den ersten Auftritt mit seinem neu gegründeten Jugendorchester am Sonntagabend in Neukeferloh.

(Foto: Christian Endt)

Der junge Dirigent Maximilian Leinekugel leitet die ersten Konzertproben mit Respekt und Sensibilität

"Geht das Ganze einfach ein bisschen lockerer an, Fortissimo wird's dann von selbst." Entspannt steht Maximilian Leinekugel vor seinem Orchester und hebt den Taktstock zur fünften oder sechsten Wiederholung der Taktfolge mit dem Übergang von den stillen zu den kräftigeren Passagen in "Ases Tod" aus der Peer Gynt-Suite von Edvard Grieg. Genauso entspannt greifen die Musikerinnen und Musiker zu Bögen und Instrumenten, nehmen sich die Aufgabe noch einmal vor. Klassische Probenarbeit eben, fiele nicht ein Umstand ins Gewicht, der diesem Nachmittag in der Musikschule einen besonderen Anstrich verleiht: Es sind die ersten Proben des neuen Jugendorchesters Vaterstetten, für das der 22-jährige Dirigent im vergangenen Jahr Mitglieder geworben hat.

Eine stattliche Zahl von etwa 30 Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren hat sich gefunden und wächst nun in der nachösterlichen Probenwoche zu einem Klangkörper zusammen. Streicher und Holzbläser sind etwa gleich stark besetzt, eine vierköpfige Blechgruppe macht sich schon ordentlich bemerkbar, an Schlagzeug und Harfe hört man Erfahrung. Das Klangbild, wie könnte es anders sein, ist noch etwas ungeschliffen, ein bisschen wie Blasorchester mit Geigenbegleitung. Die jungen Instrumentalisten, von denen die meisten erstmals in einem Orchester spielen, machen das gleichwohl mit Begeisterung und Konzentration wett. Man bedenke: Wir haben Ferien. Leinekugel ist begeistert von seinem Orchester: "Wenn wir zehn Minuten Pause ausmachen, dann sind nach neun Minuten alle wieder am Platz - einfach so."

Was auch an seinem Stil im Umgang mit den Nachwuchsmusikern liegt. Wer ihn beim Proben länger beobachtet, erkennt das Prinzip "Stärken stärken" als Leitgedanken seiner Arbeit, den sorgsamen Umgang mit den ihm anvertrauten Talenten und die Abwesenheit allen Zurechtweisens oder Tadelns. Mag auch die Piano-Stelle nach einer halben Stunde Probens immer noch ein Quantum zu forte erklingen: Dieser Dirigent zürnt und verzweifelt nicht, er lockt: "Wenn ihr wirklich hören wollt, wie schön diese Melodie ist, dann spielt sie so leise wie möglich..." Er verspricht Staunen statt Strafe, Erkennen statt Erniedrigen, den Glauben statt des Genügens. Welch verlockender Ansatz: Das Suchen in der Stille steht dem Mut im Lautsein gegenüber - wenn das nicht das Spielerische in den Menschen weckt, was dann? Mögen sich die Maestros dieser Welt Profis gegenüber wie Tyrannen benehmen, so ist hier ein Musikpädagoge am Werk, der kein Ziel erzwingen, sondern einen Weg ebnen will. Man sieht und hört, wie alle im Orchester ihm das mit Aufmerksamkeit danken. Wer einen profanen Maßstab für deren Grad braucht: Die Handys bleiben die ganze Zeit über eingepackt, auch in der dritten Stunde anstrengenden Probens. Wow!

Neben dem Grieg wird es am Sonntag Elgars "Pomp and Circumstances" zu hören geben, ein Arrangement zur Filmmusik aus "Herr der Ringe" und den "March of the Bowman" der Royal British Dragoon Guards. Mit der "Ode an die Freude" aus Beethovens 9. Symphonie und dem "Te Deum" von Charpentier, weithin bekannt als Eurovisionshymne, stehen zwei weitere Ohrwürmer auf dem Programm. Der "Priestermarsch" aus der Zauberflöte und ein Arrangement aus Rachmaninovs 2. Symphonie vervollkommnen die Liste "toller klassischer Melodien", wie der Dirigent sie nennt. Er sieht in der mitreißenden Wirkung solch großer Melodien genau die richtige Belohnung für die geopferte Ferienzeit: "Wenn man Teil von diesem Klang wird, das packt einen schon."

Für die ersten Orchestererfahrungen taugen die vereinfachten Arrangements der Melodien hervorragend. Noch gilt es für die jungen Musiker nicht, Werke zu erschließen oder zu interpretieren. Noch zählt das Erlebnis, mit anderen zusammen zu konzertieren - und nicht für sich allein mit dem Solo-Instrument. Eine Erfahrung, die Leinekugel als Kind selbst gemacht hat und die er nun, fortgeschritten auf dem eigenen musikalischen Entwicklungspfad, teilen und vermitteln will. "Ich sehe jetzt schon, dass hier etwas entsteht. Dass sich Freundschaften entwickeln, dass die Kinder über die Musik reden und zusammenfinden, all die guten Seiten einer Gruppendynamik", resümiert er am Ende des dritten Probentags, als alle noch die schwungvollen Melodien und vorantreibenden Rhythmen im Ohr haben, während sie ihre Instrumentenkoffer packen. Wenn sie das am Sonntagabend nach ihrem Auftritt im Bürgerhaus Neukeferloh (Konzertbeginn 19 Uhr, Eintritt frei, Spende erbeten) wieder tun, wird ihnen noch ein großer Applaus in den Ohren klingen.

© SZ vom 07.04.2018

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