Moosach Die Sache mit dem Paradies

Die vier Tanzprofis aus Uganda und der Musiker Dine Doneff zeigen im Meta Theater Moosach erstklassiges modernes Tanztheater auf internationalem Niveau und mit kosmopolitischem Verstand.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Vier Darsteller aus Uganda zeigen im Meta Theater Moosach ein dokumentarisches Tanztheaterprojekt über den Albtraum Flucht und Migration

Von Peter Kees, Moosach

Während vor dem Ebersberger Landratsamt Flüchtlinge mit Hungerstreik protestieren, ist im Meta Theater Moosach ein dokumentarisches Tanztheaterprojekt mit Künstlern aus Uganda zu sehen, das sich mit Migration aus afrikanischer Sicht auseinandersetzt. "Think Twice / Another Day: Paradise" ist die Performance betitelt. Es geht um die Träume vom europäischen Paradies und um Albträume von der Flucht. Ausgangspunkt für diese Performance, so heißt es, seien Interviews mit Migranten und Migrantinnen aus Flüchtlingscamps in Uganda.

Im Auftrittsbild der vier Performer, Walter Ruva, Kiryowa Fahadhi, Catherine Nakawesa und Philip Buyi, wird das Reisen - um es zunächst ganz arglos zu formulieren - bereits in Szene gesetzt: Alle vier treten mit Gepäckstücken in der Hand auf, so als ob sie sich auf Wanderschaft befänden, auf einem Bahnhof oder Flughafen stünden oder schlicht auf eine U-Bahn warteten. Es geht um Bewegung, Fortbewegung. Das Gehen wird in verschiedenen Abläufen und Tempi tänzerisch thematisiert, samt Slow Motion.

Die Darsteller sind jedoch keine Flüchtlinge, sondern Stipendiaten des Internationalen Künstlerhauses Villa Waldberta am Starnberger See: Der Tänzer Walter Ruva, spezialisiert in Hip-Hop und Dancehall sowie in traditionellem wie zeitgenössischem Tanz afrikanischer und südamerikanischer Herkunft, leitet eine eigene Tanzgruppe und arbeitet international für diverse Festivals. Philip Buyi ist Choreograf, Kostümbildner, Tänzer und Dramaturg. Außerdem betreibt er ein eigenes Modelabel. Kiryowa Fahadhi ist ein angesehener Breakdancer, der in Uganda als Mitglied des Breakdance Project Uganda auch Jugendliche unterstützt. Es gibt sogar einen Dokumentarfilm, in dem er porträtiert wird. Die Tänzerin, Choreografin und Schriftstellerin Catherine Nakawesa leitet eine Dance Company, engagiert sich bei einem Gesundheitsprojekt und macht außerdem bei einem Tanz-, Foto- und Filmprojekt mit, das sich aus künstlerischer Perspektive mit Straßenkindern beschäftigt.

Der Abend in Moosach beginnt zart und leise. Zwischen sanften Trommelschlägen und Klangschale zaubert der mazedonische Musiker Dine Doneff, der später auch am Kontrabass improvisieren wird, hinreißende Klangwelten. Die Performer entwerfen Bilder von Flucht und Migration. Der Musiker ist in ständigem Dialog mit ihnen. Ob mit Trommeln oder Kontrabass, er geht auf sie, auf ihre Rhythmen hochsensibel ein; man gewinnt den Eindruck, Bild und Ton verschmelzen.

Da liegen in sich verschlungene Leiber auf dem Bühnenboden, bewegen sich kaum noch, dort ziehen zwei Tänzer einen Körper über die Bühne. An anderer Stelle fallen Schüsse, Menschen stürzen. Auch Bilder von Gewalt und Tod werden getanzt, Flüchtlinge ertrinken im Meer und erwachen engelsgleich. Dazu stimmen sie Kinderlieder an in einer wunderbar poetischen Mischung aus Jodelklängen und afrikanischem Gesang. Kraftvoll ist diese Truppe, ausdruckstark in ihren tänzerischen Gesten, präsent, zart, ihr Stück voller Sog und Spannung. Bilder des Schmerzes entwerfen sie, der Hilflosigkeit und der Qual. Wie war das mit dem Paradies? Eigentlich existiert es nur aus seinem Gegenbild heraus. Der Wunsch, die Vorstellung eines besseren Lebens gründet auf Übeln wie Unterdrückung, Krieg und Gewalt. Bleibt die in der Performance gestellte Frage: Wie soll man leben? Wo ist das Paradies?

Was man im Meta Theater zu sehen bekommt, ist erstklassiges modernes Tanztheater auf internationalem Niveau, verortet in Afrika, in Uganda. Es scheint, dass die Kunst weiter ist als die Realität: Klammert man aus, was man weiß (woher die Darsteller kommen), und beurteilt nur das, was man sieht (den Tanz), so kann man dem Projekt nur kosmopolitischen Verstand und hohe Sensibilität attestieren. Etwas, das sich die Flüchtlinge vor dem Ebersberger Landratsamt für die Welt bestimmt auch wünschen.