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Mitten in Hohenlinden:Wirt Wanninger

Wer denkt, Karl Valentins Buchbindergroteske sei übertrieben, sollte mal versuchen, im Landkreis Ebersberg eine Gaststätte zu eröffnen

Kolumne von Korbinian Eisenberger

Es gibt noch Buchbinder in der Region, zu finden etwa in Anzing, Markt Schwaben oder in Erding. Die Gemeinde Hohenlinden allerdings muss wie viele Leidgenossen ohne diesen Berufsstand auskommen, dessen zünftigste Zeiten längst vorbei sind. Und doch zeigt dieser Hohenlindener Sommer des Jahres 2020, wie wichtig die Tugenden der Buchbinderei heute noch sind.

Einer, der sich mit Gebundenem auskennt, heißt Sebastian Brater; er würde sich gerne mal wieder seine Schürze umbinden. Statt Semmelknödel servieren muss ausgerechnet er, der gelernte Wirt, seine autodidaktischen Buchbinder-Qualitäten beweisen. Grund: Seit fünf Wochen versucht Brater ein Wirtshaus samt Biergarten zu eröffnen, genauer gesagt die prominente Waldgaststätte Hohenlindener Sauschütt. Seit einem Monat wartet er beim Finanzamt Erding auf eine Nummer, die er zur Eröffnung braucht. Zum Leidwesen des Wirts ist die Nummer gut versteckt. Wahrscheinlich in einem fein gebundenen Buch.

Brater ist ein tugendhafter Mann. Er hat viel telefoniert und seinen Ingrimm wenn dann in sich hineingeschimpft. Nicht einmal im Telefonat mit der Zeitung ist ihm die Hutschnur restlos gerissen. In valentinesker Verbundenheit hat sich der Wirt nun mit einem zweiten Finanzamt telefonisch verbinden lassen, genauer: mit der Behörde in Ebersberg. Braters Plan B: Wenn die Erdinger ihn aus Anlässen wie etwa einer Viruskrise nicht als GmbH durchwinken können, dann ja vielleicht die Ebersberger als Einzelunternehmer. Brater möchte der Behörde mitteilen, dass er sein Wirtshaus jetzt fertig hat, und ob er die Dokumente gleich mit zu ihnen hinobi schicken soll? Ja, soll er, hieß es am Donnerstag. Ob Ebersberg helfen kann? Womöglich die Nebenstelle 33. Vielleicht weiß aber auch die Abteilung 3 Bescheid.

© SZ vom 01.08.2020
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