Markt Schwaben:Von Viren, Leugnern und Hexen

Lesezeit: 4 min

Gymnasium Markt Schwaben Filmabend Filmgruppe Film "Verloren im Wald" der Unterstufe

Junge Filmkunst aus Markt Schwaben: Lucja Niedobecka (links) und Johanna Meier spielen die Hauptrollen von "Verloren im Wald".

(Foto: FMG/oh)

Beim 19. Filmabend des Markt Schwabener Gymnasiums gibt es Horror, eine Doku und einige offene Enden zu erleben

Von Merlin Wassermann, Markt Schwaben

Das Internet ist bekanntermaßen kein Ort, an dem leicht vergeben wird. Als der 19. Filmabend des Gymnasiums in Markt Schwaben nicht pünktlich beginnt, sondern sich aufgrund technischer Probleme verspätet, scharren schon die ersten Zuschauer mit den Hufen. "Geht's endlich los?", ruft einer, "Ich wette, die kriegen's nicht hin!", freut sich ein anderer. Solch höchst fragwürdige Kommentare pseudonymisierter Schüler und Schülerinnen lassen sich im Chat lesen, der den Stream begleitet, über den der Filmabend pandemiebedingt stattfindet. Dabei ist eine halbe Stunde Verspätung eigentlich nichts, verglichen mit dem einen Jahr Verzögerung, das aufgrund des Coronavirus notwendig geworden war.

Eigentlich ist der Filmabend eine feste jährliche Einrichtung an diesem Gymnasium, mit eigenen Produktionen der Filmgruppe, Gästen von anderen Schulen und Filmschaffenden, die am Nachmittag Workshops anbieten. Peter Popp, Schulleiter des Franz-Marc-Gymnasiums (FMG), freut sich denn auch sichtlich, dass es nun trotz allem klappt mit dem Abend, wenn auch in abgespeckter Form. "Film ist etwas Magisches", sagt Popp - und die große Zahl an Zuschauern und Zuschauerinnen scheint ihm recht zu geben, es sind knapp 300. Und dann kann es auch schon losgehen mit der Magie. Vier ganz hauseigene Produktionen werden gezeigt, die Themen sind ganz Unterschiedlich, die Umsetzungen aber immer reizvoll. Die Filmgruppe wird geleitet von Lehrer Peter Rohmfeld und setzt sich aus Schülerinnen und Schülern aller Jahrgangsstufen zusammen.

Zunächst heißt es "Film ab!" für die Gruppe der Älteren, die das Horror-Genre bedienen. Gezeigt wird eine Gruppe von Schülern, die nachts ins FMG eindringen. Motivation: Rache an einer unangenehmen Lehrerin (gespielt von Anja Preuß, die die Filmgruppe mit leitet) - und die Suche nach der nächsten Schulaufgabe. Doch es kommt natürlich alles ganz anders. Ein Junge und ein Mädchen werden von der Anführerin in den Chemiesaal gesperrt, "damit sie mal Zeit für sich haben". Dort infiziert sich der Junge aber an einem seltsamen Schleim mit einem Virus, der ihn (vielleicht?) zu einem Zombie mutieren lässt. In der Zwischenzeit bemerkt der Suchtrupp die Rückkehr des Hausmeisters, woraufhin alle fliehen. Die beiden im Chemiesaal werden zurückgelassen, mit unbekanntem Ergebnis...

Im anschließenden Interview, das Schüler führen, geht es um technische Details wie die Zusammensetzung des Schleims, aber auch um künstlerische Fragen wie die Bedeutung eines grünen Lichts, das oft zu sehen ist. Es soll Unsicherheit ausstrahlen. Obwohl die Virus-Thematik anderes erwarten lässt, stand dieses Drehbuch bereits vor Corona - dementsprechend "stark" findet es Rohmfeld, dass die Schüler bei dem Projekt so lange durchgehalten haben.

Der nächste Film stammt von Jonas Schlögl, einem ehemaligen Schüler des FMG, der jetzt beim Bayerischen Rundfunk eine Ausbildung zum Kameramann macht und einen der Workshops geleitet hat. Die Dokumentation trägt den Titel "Weltretter FMG" und begleitet das P-Seminar "Nachhaltigkeit" von Lehrerin Tina Ronge. Da helfen die Schüler dabei, ein Stück Wald, das dem Landwirt Tobias Meyer gehört, aufzuforsten. Die Fichten dort mussten aufgrund Borkenkäferbefalls abgeholzt werden, neue Laubbäume wurden angepflanzt, bezogen von einer Gärtnerei aus der Region, um die Lieferketten kurz zu halten. Zu Wort kommen Ronge, Meyer, Schüler sowie Mitglieder des Elternbeirats, sie alle formulieren ihre Gedanken zu Nachhaltigkeit. Quintessenz: Global denken, lokal handeln.

Schlögl ist der angekündigte Vertreter des BR und wird als solcher interviewt. Wie auch beim Gespräch mit Anita Hauch, die mittlerweile an der Hochschule für Film und Fernsehen studiert, drehen sich die meisten Fragen um den Bewerbungsprozess und den Ablauf der Ausbildung. Für die nächsten Abiturjahrgänge ist das sicherlich interessant, bleibt insgesamt aber vielleicht etwas hinter den Erwartungen an eine Expertenrunde zurück.

Der dritte Film ist wieder ein Projekt Jonas Schlögls, es entstand das aus seinem P-Seminar zum Thema Rechtsextremismus. Der Film wurde an einem einzigen Ort, in einem Keller, gedreht und ist handwerklich hochwertig. Schnitt, Ton und Beleuchtung erzeugen stimmig eine hektisch-angespannte Stimmung. Es geht um einen Verschwörungstheoretiker und "Rechtsfluencer", der Videos für seine Follower aufnimmt, in denen er viel gegen die Corona-Politik wettert. Dieser Mann wird in einem fiktiven Losverfahren von der Bundesregierung dazu auserkoren, ein Gesetz zu verabschieden: Er beschließt einen Importstopp, um die deutsche Wirtschaft zu schützen. In der Zwischenzeit hat sich seine Schwester jedoch mit Corona infiziert und kann nun aufgrund mangelnder medizinischen Güter nicht mehr beatmet werden. Sie fällt ins Koma. Statt den Film aber, wie man es erwarten würde, mit einem altbackenen Läuterungsmoment enden zu lassen, bleibt der Neonazi seiner Linie treu: "Wenn sie stark genug ist, wird sie's schon schaffen!" Ein spannendes Gedankenexperiment, das im Rahmen des "Parlamensch"-Projekts des Medienzentrums München entstanden ist.

Zum Abschluss zeigt die Filmgruppe der Unterstufe ihr Projekt "Verloren im Wald". Das Setting ist ein Schulausflug in den Forst. Die Lehrer bläuen den Kindern ein, ja dicht zusammenzubleiben, da es im Wald ein Hexenhaus gäbe. Dann sehen wir, wie "Marie" von "Anna" und einigen anderen Mitschülern gemobbt wird. Anna nimmt Marie eine Kette weg und läuft los, Marie rennt hinterher, konfrontiert Anna und holt sich ihre Kette zurück. Als die beiden zurück zur Lichtung kommen, ist die Klasse verschwunden. Die Bühne ist also frei für eine Versöhnungsgeschichte nach dem Motto: "Wir sind gar nicht so verschieden!" Aufgrund der Kürze des Films passiert das größtenteils off-screen. Gemeinsam stoßen die Mädchen dann auf das Hexenhaus. Die erstaunlich moderne Bewohnerin weist den beiden den Weg zurück zur Klasse, verlangt aber die Kette als Bezahlung. Beim Aufeinandertreffen mit den anderen Schülern signalisiert ein Blick, dass Marie jetzt eine Freundin gefunden hat. Ende gut, alles gut? Nicht ganz, denn in der Post-Abspann-Szene stößt ein Lehrer auf die Hexe. Sie lockt ihn in ihr Haus, indem sie ihm Maries Kette zeigt. Alles weitere bleibt offen.

Glasklar ist jedoch, dass der 19. Filmabend des Franz-Marc-Gymnasiums - trotz einiger technischer und menschlicher Schwierigkeiten zu Beginn - ein voller Erfolg war.

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