bedeckt München 15°
vgwortpixel

Markt Schwaben:Vertraglich zum Lächeln verpflichtet

wolfgang Gregor, Markt Schwaben, Kreuzfahrtkomplex

Wolfgang Gregor in seinem Büro, wo er Erinnerungen an seine Zeit auf See versammelt hat.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Ex- Schiffskapitän Wolfgang Gregor aus Markt Schwaben kritisiert in seinem neuen Buch die Kreuzfahrtindustrie

Die Harmony of the Seas, 362 Meter lang und 66 Meter breit. Das bisher größte Kreuzfahrtschiff der Welt kann mehr als 6000 Passagiere mit an Bord nehmen, die täglich pro Person 400 Liter Trinkwasser verbrauchen. Ein Symbol für technischen Fortschritt und Ausdruck exzessiver Urlaubsträume. Für Wolfgang Gregor ist es eher das Sinnbild, das repräsentativ für eine Industrie steht, der er nicht nur Positives abgewinnen kann. "Da könnte man halb Markt Schwaben unterbringen", sagte er scherzhaft. Leere Pool-Anlagen oder Restaurants gebe es nur in den Katalogen.

Am Kreuzfahrtgewerbe hat Gregor aber mehr zu kritisieren als die bloße Überfüllung der großen Dampfer. Er bemängelt die schlechten Löhne der Besatzung, die fehlende Sicherheit, aber auch die niedrige Steuerbelastung der großen Konzerne. Im Rahmen des SPD-Stammtischs präsentierte der Markt Schwabener sein Buch Der Kreuzfahrtkomplex, das sich genau mit solchen Problematiken befasst. Man merkt sofort, dass Gregor sein Metier versteht und als ehemaliger Schiffskapitän die richtigen Worte findet. Frei von Ideologien überzeugte er mit Fachwissen und übermittelte seine Inhalte authentisch.

"Über 30 Milliarden Euro Umsatz wurden im vergangenen Jahr mit Kreuzfahrten gemacht, der Markt wächst wie kaum ein anderer Tourismuszweig", sagte Gregor. Trotz dieser horrenden Summen zahlen die Unternehmen aber kaum Steuern. So mussten die drei größten Reedereien nur 49 Millionen Euro an den Fiskus abtreten. Ein Grund dafür sind die "maritimen Bananenrepubliken", wie Gregor unter anderem die Staaten Liberia, Panama oder die Bahamas bezeichnet, unter deren Flaggen viele Kreuzfahrtschiffe laufen. Für die Konzerne bedeutet dies, dass sie automatisch auch an die rechtlichen Vorschriften jener Länder gebunden sind. "So kann man sich die Staaten mit dem günstigsten Steuerrecht suchen. Das ist das El Dorado der freien Wirtschaft", so Gregor.

Den Billigflaggen ist aber nicht nur die niedrige Steuerbelastung geschuldet, sondern sie haben auch Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen an Bord. Die Besatzung, größtenteils asiatische Leiharbeiter, arbeite 14 Stunden täglich sieben Tage pro Woche. "Der Stundenlohn für einen Kabinensteward oder Wäscher auf einem Aida-Schiff liegt dabei knapp über einem Euro. Davon kann man auch auf den Philippinen kaum leben", sagte Gregor. Dass man dann trotz solcher Bedingungen noch freundlich lächelt, ist dabei in vielen Verträgen festgeschrieben - den Gästen soll weiterhin die Illusion einer heilen Welt vorgegaukelt werden.

Doch vor allem bei Sicherheitsaspekten, könne dieser Schein nicht gewahrt werden. Zwar werden die Schiffe tendenziell immer sicherer, doch der Mythos vom unsinkbaren Schiff ist schlichtweg falsch, so Gregor. Gerade bei einer Evakuierung spielt die demografische Zusammensetzung der Urlauber eine entscheidende Rolle. Obwohl viele ältere Menschen eine Kreuzfahrt buchen oder Rollstuhlfahrer an Bord sind, wird in Ausnahmesituationen kaum auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen. Viele Gänge sind mit Verkaufsständen zugestellt, so dass die Rollstuhlfahrer nicht mehr hindurch kommen. Auch werden die Treppen für Senioren zum unpassierbaren Hindernis, wenn das Schiff zum Schaukeln beginnt. Hinzu kommt, dass vor allem in den Abendstunden viele Gäste angetrunken sind und sich dann nur noch schwer vom Schiff retten können. An eine geordnete Evakuierung sei unter solchen Umständen nicht zu denken. "Ich will niemandem grundsätzlich von Kreuzfahrten abhalten, doch wir sollten wissen, was hinter dem großen Komplex steckt", so Gregor.

Das Buch "Der Kreuzfahrtkomplex" von Wolfgang Gregor ist im Tredition Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. Es umfasst 279 Seiten und kostet 17,90 Euro.

© SZ vom 15.10.2016
Zur SZ-Startseite