Markt Schwaben Magie der Tonkunst

Wolfgang Hörlin, Professor in München, erweist sich als Zauberer in einem Schloss aus Registern und Pfeifen.

(Foto: Ulrich Pfaffenberger)

Improvisationskonzert entlockt der sanierten Orgel in Markt Schwaben zauberhafte Melodien

Von Ulrich Pfaffenberger, Markt Schwaben

"Sur le pont d'Avignon": Wie oft haben wir das als Kinder gesungen? Selten, weil wir wollten, oft, weil wir mussten. Das Paradestück zum Erlernen des Prinzips "Kanon". Hätten wir uns nicht manchmal gewünscht, auszubrechen aus dieser Pflicht? Etwas ganz anderes daraus zu machen? Einen kleinen Sprung hinüber zum "Hänschen klein" zum Beispiel. So weit sind die beiden Lieder ja nicht auseinander. Man könnte doch mal Text und Melodie vertauschen. Schade, dass daraus nichts geworden ist.

Wolfgang Hörlin hatte es da am Sonntagnachmittag in Sankt Margaret leichter. Der Professor an der Münchner Musikhochschule und Stiftskapellmeister in Regensburg war zu Gast in Markt Schwaben für ein "Improvisationskonzert", mit dem die sanierte Orgel ein weiteres Mal ihre Möglichkeiten entfalten und sich von einer Seite zeigen durfte, die über den kirchenmusikalischen Alltag hinausgeht. Volkslieder aus aller Welt waren zu hören, das hatten sich die Gemeinde und ihr Organist Stefan Krischke gewünscht, um die Vielfalt der Nationen anzusprechen, die in Markt Schwaben ihr Zuhause gefunden haben. Zudem sollte es ein aktives Konzert sein, kein bloßes Zuhören, sondern ein Dialog zwischen Publikum, das zunächst die Lieder anstimmte, und dem Organisten, der dann die musikalischen Ideen aufgriff und Neues entstehen ließ.

Zur andächtigen Verblüffung der Zuhörer in einer bedauerlicherweise nur mäßig besetzten Kirche - die Anziehungskraft der Sonne und des Marktsonntags erwiesen sich als Konkurrenten - entpuppte sich Hörlin als wahrer Zauberer in einem Schloss aus Registern und Pfeifen. In der Fantasie der Klänge begannen Flüsse zu rauschen, Gewitter zu grollen und Vögel zu zwitschern, bis knurrende Gnome und knarzende Kröten den Gegengesang anstimmten. Magie der Tonkunst - und kein großer Sprung von Harry Potters "Bahnsteig 9 dreiviertel" zum "Larigot 1 1/3" oder zum "Dulcian 8"auf der Bürgle-Schmid-Orgel.

Dem Organisten, seinem Ruf als gekonnter Improvisateur gerecht werdend, konnte man die Lust anhören, die ihm das Herauskitzeln von Klangfarben und Effekten bereitete. Wie er mit den Registern spielt, ungewöhnliche Kombinationen zum Klingen bringt und aus dem Spektrum der verfügbaren Pfeifen überraschende Kontraste hervorruft, das kündet von großer Meisterschaft. Verzögern und beschleunigen, flüstern und brüllen, Wechselgesang und Interferenz: Kein Stilmittel ist dem Solisten zu verwegen, kunstvoll entscheidet er sich aus dem Gedanken heraus für die nächste Finte.

Da swingen plötzlich alle meine Boogie-Entchen durch den Kirchenraum und lassen die Putten am Altar zur Tiroler Weise von den "Büabelen und Madelen, die machen Purzigagelen" munter herumalbern, da setzt der Bibabutzemann ein klanggewaltiges Jahrmarkts-Orchestrion in Bewegung, da dröhnt im festen Madrigal-Schritt ein Riese über zur Empore herauf, während über ihm die Melodie vom "Spannenlangen Hansel" flattert. Wie viel Heiterkeit und Esprit weht da durch Sankt Margaret - und wie bedauerlich, dass sich die Gemeinde einst entschieden hat, bei Konzerten keinen Zwischenapplaus zu gewähren. Dafür fällt der Beifall am Ende umso herzlicher aus, als sich die Freude Bahn bricht über die neue Orgel und was sich ihr entlocken lässt.