bedeckt München 15°
vgwortpixel

Kreisklinik Ebersberg:Mehr als nur Schmerzlinderung

Peter Lemberger ist seit 2007 Chefarzt der Anästhesie in der Kreisklinik Ebersberg. Zuvor war der 58-Jährige am Universitätsklinkum in Regensburg tätig. Lemberger ist außerdem in Ebersberg Transplantationsbeauftragter.

(Foto: Kreisklinik)

Die Anästhesie spielt in der Geburtshilfe eine wichtige Rolle. Der Schutz des ungeborenen Kindes ist dabei eine besondere Herausforderung

In der Geburtshilfe der Kreisklinik Ebersberg wurden im vergangenen Jahr 708 Babys geboren. In den allermeisten Fällen sind dies glückliche Momente und die Anästhesisten unterstützen bei Bedarf mit schmerzreduzierenden Maßnahmen. Wird aber eine Narkose für einen geplanten oder ungeplanten Kaiserschnitt benötigt, ist die 24-Stunden-Bereitschaft der Anästhesie ein wichtiger Sicherheitsfaktor. Dabei stellen der Schutz des ungeborenen Kindes und die veränderte Anatomie bei Schwangeren den Anästhesisten vor spezielle Herausforderungen. Ein Interview mit Peter Lemberger, Chefarzt der Anästhesie in der Kreisklinik Ebersberg.

SZ:Inwiefern spielen die körperlichen Veränderungen einer Schwangeren eine Rolle für die Narkose?

Peter Lemberger: Durch die Ausdehnung der Gebärmutter wird das Zwerchfell nach oben geschoben. Dadurch ist zum einen der Magen zusammengepresst, die Magensäure kann leichter nach oben steigen. Deshalb gelten Schwangere ab der 16. Woche als 'nicht nüchtern'. Nüchternheit, also nichts essen und trinken vor einer Operation, ist jedoch normalerweise die Voraussetzung dafür, dass eine Narkose eingeleitet werden kann, denn sonst besteht das Risiko, dass der Patient aspiriert, das heißt, dass er erbricht und Mageninhalt in die Luftröhre und in die Lunge gerät. Daher müssen wir bei Schwangeren immer einen Tubus zur Beatmung einsetzen. Zum anderen wird auch die Lunge etwas zusammengedrückt, so dass schneller ein Sauerstoffmangel entstehen kann.

Werden in der Geburtshilfe andere Narkoseverfahren angewandt als bei anderen Fachrichtungen?

Andere nicht, aber wir bevorzugen lokale Narkoseverfahren. Sie haben zum einen kein Aspirationsrisiko und zum anderen den Vorteil, dass die Schwangere die Geburt - auch beim Kaiserschnitt - miterleben kann. Die Spinalanästhesie zum Beispiel, die wir bei einem geplanten Kaiserschnitt durchführen, wenden wir auch bei anderen Eingriffen im Unterbauch oder an den unteren Extremitäten an. Das Medikament wird zwischen den unteren Rückenwirbeln ins Nervenwasser gespritzt. Es ist wie die Periduralanästhesie (PDA) eine lokale Betäubung, die jedoch stärker und schneller wirkt als diese, bei gleichzeitig geringerer Medikamentendosis. Die PDA wird auch zur Schmerztherapie nach großen Bauchoperationen eingesetzt. Hier wird das Medikament nicht so tief gespritzt und es betäubt nur die Nerven, die für den Schmerz verantwortlich sind. Eingeleitet wird es über einen dünnen Schlauch, den sogenannten Periduralkatheter. So kann die Gabe nach Bedarf wiederholt werden, die Gebärende kann die Dosis sogar per Knopfdruck selbst steuern. Beide Verfahren sind sowohl für die Mutter als auch für das Kind sehr risikoarm, und die Medikamente kommen nicht beim Ungeborenen an. Besteht bereits eine PDA, kann im Notfall zusätzlich noch eine Spinalanästhesie durchgeführt werden, meist wird jedoch über den Periduralkatheter Medikament nachgespritzt.

Welcher Notfall kann das sein?

Wenn sich nach der Geburt des Kindes der Mutterkuchen - die Plazenta- nicht von selbst oder nur teilweise löst und manuell entfernt werden muss. Oder: Wenn sich die Placenta vor der Geburt löst, kann es zu starken Blutungen bei der Mutter kommen. Dann muss ein Not-Kaiserschnitt durchgeführt werden.

Bei diesem wird aber ein anderes Narkoseverfahren durchgeführt, oder?

Ja. Da zählt jede Sekunde. Bei der Peridural- und Spinalanästhesie tritt die Wirkung jedoch erst nach einigen Minuten ein. Deshalb nehmen wir in solchen Fällen eine sofort wirkende intravenöse Narkose mit Propofol vor, allerdings mit so geringer Dosierung wie möglich, um das Kind zu schützen.

Was bedeutet das für Mutter und Kind?

Von dem Medikament bekommt das Kind so gut wie nichts ab, weil es sofort abgenabelt wird. Schmerzmittel erhält die Mutter erst danach. Bei der Mutter besteht neben den üblichen Operationsrisiken wie etwa eine Infektion oder eine Blutung aus oben genannten Gründen das Risiko einer Aspiration.

Was geschieht, wenn die Mutter einen starken Blutverlust erlitten hat?

Ein Vorteil bei Gebärenden ist die bessere Blutgerinnung gegenüber Nichtschwangeren. Das bedeutet, Blutungen hören in der Regel schneller auf. Wenn nicht, kann sie neben Infusionen bei Bedarf eine Bluttransfusion erhalten. Dafür sind wir in der Anästhesie zuständig. Ich trage für die gesamte Kreisklinik Ebersberg die Verantwortung für Bluttransfusionen und führe zweimal im Jahr spezielle Fortbildungen für die Ärzte durch.

© SZ vom 13.08.2019
Zur SZ-Startseite