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Konzert in Ebersberg:Großer Klang in kleinem Rahmen

Hier wird etwas Lebendiges kreiert: Weil das Publikum in dem Ebersberger Café so nah an der Big Band sitzt, bekommt es viel Spannendes mit.

(Foto: Christian Endt)

Die "EBE-Jazz-Big-Band" begeistert im Café Mala und macht mit Sängerin Stefanie Tornow Lust auf das Festival im Herbst

Der Regen zwingt die Truppe von Ebersbergs "Jazzpapa" Josef Ametsbichler zum Aufbau im Inneren des Cafés im Ebersberger Klosterbauhof. Uniform in weißen Hemden positioniert sich die fast zwanzigköpfige EBE-Jazz-Big-Band dort, man sieht viel graues Haar. Glücklicherweise ist Alter und Reife beim Musizieren - im Gegensatz zum Sport - kein Nachteil.

Mit vollem Blechklang startet die Band swingend in ihr gut zweistündiges Konzert. Dynamisch wird es werden und stellenweise grenzwertig laut für den akustisch nicht idealen Raum; die Band klingt aber erstaunlich transparent und balanciert. Das Fundament aus Kontrabass und Bassdrum ist satt und schön tief, das Schlagzeug hat gut Druck, auch Becken und Snare kommen gut durch und halten das Ensemble zusammen. E-Piano, E-Gitarre und Perkussion ergänzen die Rhythmusgruppe, sind aber bis auf ihre Soli meist vom Bläsersound verdeckt. Letzterer kommt bigbandtypisch in vielen Facetten daher: weiche und warmklingende Akkorde, spitze Licks und Kicks, fette und knatternde Posaunen sowie erfrischende Abwechslung dank diverser Dämpfer. Auch beim Schlagwerk tut sich was: Drumkit mit Sticks oder Besen, Snare mit und ohne Teppich, Congas mit Händen oder Paukenschlägeln, Shaker.

Ametsbichler, der die Big-Band zum Jazzfestival vor zwei Jahren gegründet hat, treibt an und instruiert seine Musiker unangestrengt, aber deutlich. Man kann sich nur einmal im Monat zum Proben treffen, daher sind auch im Livebetrieb klare Ansagen nötig. Stört aber nicht, sondern zeigt, dass etwas Lebendiges kreiert wird, das stets im Wandel ist. Man hört hier keine Profis, sondern gepflegte Jazzkultur. Phrasierung und Timing wackeln hier und da, der Gesamteindruck ist aber stimmig und sympathisch, auch dank der humorvollen, spontanen und informativen Ansagen des versierten Bandleaders.

Die Stücke samt Soli sind eher kompakt arrangiert, was dem Konzert guttut, denn so kann die Band ihre verschiedenen Stilistiken zeigen. Die Abwechslung bei Tempo, Grooves und Instrumentierung sorgt für Kurzweil. Vom langsamen Blues bis zu schnellen Swingpassagen, Latingrooves und "Krimisound" (tolle Nummer: Das verdrehte Acapulco "Oclupaca" von Duke Ellington) ist viel geboten, oft auch innerhalb eines Stückes. Dizzy Gillespies "A Night in Tunesia" ist diesbezüglich das prominenteste Beispiel - und vielleicht auch das beste Stück des Abends.

Als besonderes Element kommt Stefanie Tornow zu einigen Songs dazu und ergänzt den Bandsound mit ihrer reifen und samtigen Jazzstimme. Dabei könnte sich die Band allerdings noch etwas mehr zurücknehmen, die Texte versteht man sonst nur, wenn man sie kennt. Gershwins "The Man I love" erzählt Tornow gefühlvoll über volle, raumfüllende Akkorde, vom Sound her eine der schönsten Nummern. "Willow weep for me" kommt träge daher, was mehr am Arrangement liegt als am Gesang. Der tiefe, ostinate Klavierpuls unisono zum Bass macht das Stück schwer; es geht allerdings auch um vergangene Liebesträume. Beim intim vorgetragenen "Cry my a River" gibt es neben den songtypischen "bewegten Quinten" à la James Bond auch kurze Doubletime-Passagen und einen schleppenden Shout-Part, die das Stück beleben.

Ein besonderer Programmpunkt sind drei Stücke aus Duke Ellingtons Herzensprojekt, den drei "Sacred Concerts" aus den Jahren 1965 bis 1973 - Musik für Bigband, Chor und Solisten. Bereits vor dreißig Jahren gab es in Ebersberg unter Ametsbichler die europäische Uraufführung, am 20. Oktober werden die "Sacred Concerts" im Rahmen von "EBE-Jazz 19" in Grafing erklingen. Als Vorgeschmack singt Tornow "Praise God", ein kurzer Uptime-Swing mit Tempowechseln, und "Heaven", welches mit einem gefühlvollen Saxofonsolo endet. Das E-Piano, hier deutlich hörbar, klingt leider nicht schön über die Anlage und ist der Schwachpunkt im Gesamtsound der ansonsten wohltönenden Instrumente. Man wünscht sich einen klaren und edlen Klavierklang, der Intros, Begleitung und Soli des Pianisten zur Geltung brächte. In "David danced before the Lord" gibt es neben einer schön gespielten gedämpften Trompete noch einen weiteren interessanten Band-Groove mit stark betonten Offbeats und präzise gewischten 16teln auf der kleinen Trommel, Hut ab!

Als Zuschauer ist es spannend, so nah an einer großen Band dran zu sein. Im Café Mala sitzt man der Combo dicht gegenüber und kann sehr direkt erleben, wie das Konstrukt Bigband nebst Dirigat funktioniert. Es passiert dauernd etwas Spannendes: zwischenmenschlich wie musikalisch. Das Publikum hat sich über den Abend aufmerksam warmgehört und auf die große Band eingelassen, was ein "Applausometer" mit stetig steigender Kurve dokumentieren würde. Man zeigt sich demonstrativ traurig, als der letzte Song angekündigt wird, und würdigt so einmal mehr Aufwand, Anstrengung und Ausdruck der Darbietung.

© SZ vom 31.07.2019
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