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Konzert in Ebersberg:Freiflug für die Fantasie

Ein Konzert wie ein Film: Der Pianist Martin Kohlstedt entfacht im Livestream aus dem Alten Kino ein Feuerwerk innerer Bilder.

(Foto: Christian Endt)

Martin Kohlstedt öffnet im Alten Kino den musikalischen Luftraum über der weiten Flur menschlichen Daseins

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Schöner Einfall der Regie: Die Übertragung des Konzerts aus dem Alten Kino am Mittwoch beginnt mit einem Einspielfilm - der Solist, am Vortag schon angereist, an der Orgel von Sankt Sebastian. Eine vorsichtige, harmlose Annäherung zunächst, an der das Publikum teilhaben darf, die sich schnell in ein kraft- und effektvolles Experimentieren mit Klängen und Volumina wandelt. Mit diebischem Grinsen beugt sich Martin Kohlstedt über die Manuale: Mal hören, was da noch geht? Ein versuchsweiser Griff zu den tiefsten Tönen und gleich noch einer, weil's so schön ist, wenn die Luft dröhnt.

Es sind nur wenige Minuten, aber sie geben den Blick frei auf einen, der selbst gar nicht so sehr wahrgenommen werden möchte. Vielmehr ist es seine Musik, wie er im Gespräch mit Moderatorin Violetta Ditterich verrät, die im Mittelpunkt stehen soll. "Was dort oben auf der Bühne stattfindet, ist ein geschlossenes System", sagt Kohlstedt. Das wirke auf jeden im Publikum anders - und das solle auch so sein. "Irgendwann ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Wenn alle mucksmäuschenstill sind, dann läuft der Reaktor", beschreibt er die erwünschte Wirkung.

Die nächsten Szenen, live aus dem Alten Kino gestreamt, kommen diesem Wunsch entgegen. Im Spiel von Gegenlicht und Reflexionen, begleitet von einer Kameraführung, die mehr der Szene folgt als dem Darsteller, wird Kohlstedt zum musizierenden Schatten. Er tritt zurück hinter die Gedanken und Töne, die er entwickelt. Zugrunde liegt, so beschreibt er das, ein Portfolio von Modulen, die er selbst entwickelt hat und denen er während des Spielens Raum für intuitive Metamorphosen gibt. Improvisiert, wie man es aus dem Jazz kennt, ist daran wenig - einzig beim gemeinsamen f-moll-Intermezzo mit dem Ebersberger Gitarristen Jeremy Teigan, spontan beim Soundcheck vereinbart, gibt es dazu Gelegenheit, von beiden lustvoll genutzt.

In Ebersberg folgt Kohlstedt in weiten Teilen seinem jüngsten Album "Flur". Unverkennbar bezieht er sich dabei auf die weite, unverstellte Landschaft. Durch die lässt er, selbst in Bewegung, Blicke und Gedanken kreisen, um das Echo, das er empfängt, in Klänge zu verwandeln. Dadurch entsteht Reibung, das führt zu überraschenden Turbulenzen genauso wie zu entspannenden Phasen des Dahintreibens. "Der Kontrast ist für mich das eigentliche Material", sagt er im Interview. Und je länger man ihm zuhört, desto weniger ist das eine Arbeitsbeschreibung, desto mehr ein Glaubensgrundsatz.

Wer die Musik und den Interpretationsstil von Jean Michel Jarre mag oder von Phil Coulter, der wird sich schnell anfreunden können damit, wie Martin Kohlstedt sich seiner Instrumente annimmt. Für die einen wird der kreative Umgang mit Elektronik anziehend sein, allen voran mit dem Fender Rhodes, Solitär unter den Synthesizern. Die anderen werden sich an der Leidenschaft für rollende Rhythmen und kathedralenartige Klangbauten erfreuen, die sich in der Endlosigkeit des Raums verlieren. Das geht weit über das hinaus, was in der Ankündigung als "Klassik trifft Moderne" apostrophiert war; letztlich gilt das nur fürs konzertante Handwerkszeug, das Piano ohne und mit Elektrik. Selbst wenn da mal ein paar romantische Walzertakte einfließen.

Viel mehr wird man Kohlstedt gerecht, wenn man sich einer seiner Berufsbezeichnungen nähert: Filmkomponist. Ohne zu wissen, welchen Streifen er Töne verliehen hat, drängt sich das auf: Wem bei dieser Musik keine Bilder vor dem inneren Auge entstehen, dem fehlt der entsprechende Sensor. Ob das nun Regentropfen sind, die im Wind übers Fensterglas mäandern, kaum hörbar platzende Seifenblasen, zarte Gänseblümchen, die sich im Morgentau tapfer entfalten, oder viele Lichtjahre entfernte Pulsare, die hörbar werden, das sei dem Individuum dahingestellt.

Es ist ein großzügiges Angebot, das dieser Musiker unterbreitet, und es wirkt vor allem deswegen so tief, weil er sich den Blicken entzieht, um die Sinnlichkeit des Hörbaren zu stärken. "Kino im Kopf", oft gebrauchte Phrase, selten berechtigt, aber hier das Ergebnis einer umströmenden Musik, der man sich nicht entziehen sollte. Wer dennoch die Zeit fand, dem Chat zu folgen, konnte beobachten, wie das Publikum versuchte, dieses musikalische Geschehen in Worte zu fassen. Der Ansatz war redlich, musste aber scheitern, weil Tastaturen und Klaviaturen in diesem Fall nicht kompatibel waren. Die ausgesprochene Dankbarkeit dagegen war so ehrlich wie verständlich: So viel individuelle Freiheit in der Fantasie ist derzeit selten. Sie mit Kreativität und Spielfreude freizusetzen, eine große Kunst. Der, notabene, die exzellente Bühnenregie und Soundtechnik aus jeder Perspektive gerecht geworden sind.

© SZ vom 08.05.2021
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