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Konzert im Alten Speicher Ebersberg:Alle Wege führen zu Beethoven

Das Nonett der "Munich Classical Players" präsentiert dem Ebersberger Publikum gleich zwei Uraufführungen.

(Foto: Christian Endt)

Maximilian Leinekugel und das Bläser-Nonett der "Munich Classical Players" zelebrieren den Jubilar

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

In einem normal verlaufenen Beethoven-Jubiläumsjahr wäre es eine interessante Addition zum musikalischen Spektrum geworden. Unter den gegebenen Umständen erwies es sich als Solitär: das Konzert der Munich Classical Players im Alten Speicher am Samstagabend. Denn wie häufig erleben Musikfreunde das, was sich Dirigent Maximilian Leinkugel für diesen Auftritt ausgedacht hatte - ein Bläsernonett? Zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, ein Kontrabass, welch ein Versprechen fürs Ohr, zugleich auch ein Angebot ans Publikum, um bei eingeschränktem Platz auf dem Podium große Werke hörbar zu machen.

Bläsernonette sind nicht so häufig, dass sich daraus mühelos ein eineinhalbstündiges, in sich schlüssiges Ganzes zusammenstellen ließe, noch dazu unter Beethoven-Thematik. Weil das geplante Konzert in Haar ausfallen musste, kam somit Ebersberg in den Genuss zweier Uraufführungen in Anwesenheit der jeweiligen Schöpfer, ein schönes Geschenk, um den erzwungenen Abschied auf Zeit von live konzertierter Musik zu versüßen. Alexander Mathewsons "Lovely Ludwig van", das den Abend eröffnete, war eine liebevolle, freundliche und geistreiche Hommage an den Jubilar, ein fantasievolles Aufgreifen der Rolle, die Beethoven seit langem für die populäre Kultur spielt - als Lieferant für Film- und Werbemusiken genauso wie als Zitatgeber in der Rock- und Popmusik oder als Ikone in der Malerei. Die drei Sätze - überschrieben mit Sonata, Ludwig relaxes at the Turkish Bathhouse, Violence and Tenderness - waren denn auch geprägt von Anspielungen und Zitaten, die jenen "Ach, genau!"-Effekt beim Zuhören auslösen, die Themen und Motive auf breiter Ebene dauerhaft verankern.

Wie sich am filigranen, fein dosierten Wechselspiel der Instrumentalisten zeigte, steckt dahinter jedoch alles andere als Beliebigkeit mit leichter Hand. Am Übergang von der Kammermusik zur Sinfonik angesiedelt, darf man das Stück als Bewährungsprobe betrachten für den Übergang von Können zu Verstehen, den die neun Musiker trotz anfangs leichter Nervosität mit dann ausgeprägtem Selbstverständnis intoniert haben.

Was ihnen dann auch den richtigen Schub gab, den wesentlich steileren Weg durch Caio de Azevedos "Serenade nach der Bergwanderung" anzugehen und souverän zu meistern. Obwohl der Titel sich nur auf den zeitlichen Beginn der Komposition bezieht, wie Leinekugel anmerkte, war er doch geprägt von jenem befreiten Gefühl nach vollbrachter Tat, die jeder nur zu gut von sich selbst kennt: Man fasst an, was man sonst liegen ließe, man wagt unbekümmert, wo man sonst vorab viele Bedenken wälzte, man findet Begriffe außerhalb des Üblichen, wo man sonst sich mit einer Phrase begnügte. "Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei" hatte der Dirigent eine Maßgabe Beethovens zitiert, die auch dieses Werk präge - und nicht zuviel versprochen. Aus Pastorale, Menuett, Adagio und Allegro assai, in einem Zug durchgespielt, formte das Orchester eine markante Gedankenskulptur, durchzogen von Emotionen und Bestimmtheiten, gewagten Kontrasten und überraschenden Harmonien. Im Gegensatz zum ersten Stück eine anspruchsvolle Prüfung für Musikalität und die Fähigkeit wechselseitigen Respekts, brachte die Serenade das Eis zum Schmelzen und die erstklassige Musikalität des Ensembles zum Vorschein.

Dass die acht Bläserinnen und Bläser danach die Luft hatten, um die halbstündige Fassung von Beethovens 7. Sinfonie formvollendet zu intonieren, darf man daher nicht nur ihrer jugendlichen Lungenkraft zurechnen. Die Nonett-Bearbeitung von Wenzel Sedlak forderte bis ins Detail eine so ausgeprägte Treue zu Dynamiken und Tempi des Originals, dass sie mit Technik allein nicht zu bewältigen ist. Kunstvoll gestaltete Bläserkraft mit Sturm und Drang verlangt nach Gemeinschaftsgeist, Leidenschaft und einem Dirigenten, der bei der Besetzung kompromisslos vertraut. Nur so ist die bewegende und überzeugende Qualität abzurufen, die am Samstag im Alten Speicher zu hören war.

Zum Aufregendsten, was man seit geraumer Zeit an Klassik-Passagen in Ebersberg zu hören war, geriet dabei der intensive Dialog von Lisa Riepl an der Klarinette und Jonas Hart an der Oboe. Ihre Interpretation war in jeder Hinsicht mustergültig, die Art, wie sie ihre Rolle angenommen haben, ließ jeden Ton, jeden Akkord glänzen.

Die beiden herauszuheben schmälert nicht die Anerkennung für Julia Baum (Oboe), Emanuel Wilhelm (Klarinette), Matthias Delazer und Matthias Emde (Fagott), Magdalena Neuser und Benedikt Pogel (Horn) sowie Andrej Spisiak (Bass). Dirigent Leinekugel kann sich glücklich schätzen, ein so gut ausbalanciertes, auf sehr hohem Niveau spielendes Ensemble leiten zu dürfen. Das begeistert applaudierende Auditorium sah das genauso und schmückte seinen Beifall mit zahllosen "Bravos".

© SZ vom 02.11.2020

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