Konditionierung durch Sprache Hoch brisantes Versuchslabor

Abgerichtet durch Sprache: Die Italienerin Lea Barletti spielt Handkes Kaspar eindringlich, ohne jede Attitüde.

(Foto: Christian Endt)

Lea Berletti und Werner Waas bestechen im Meta-Theater mit Peter Handkes "Kaspar"

Von Peter Kees, Moosach

Miniaturmöbel stehen auf der Bühne, in Kindergröße: ein Tisch, Stühle und ein Kleiderschrank. An der Wand lehnt noch ein Besen. Alles Dinge, die im Text vorkommen. Und dann steht da noch ein Lautsprecher. An einer Säule lehnt seit dem Einlass ins Theater eine Frau. Beinahe autistisch wirkt sie. Als das Stück "Kaspar" von Peter Handke beginnt, setzt sich Werner Waas ans Regiepult. Es wird Minuten dauern, bis das erste Wort zu hören ist. Lea Barletti löst sich von der Säule, langsam, ihr Körper zuckt ein wenig. Mit unsicheren Bewegungen ertastet sie vorsichtig den Raum, eine fremde Welt für sie, versucht, mit ihrem Körper den Besen nachzuahmen, ehe sie vor dem Lautsprecher zu sitzen kommt - und das ihr unbekannte Objekt erkundet, aus dem kurz darauf Atemgeräusche zu hören sind.

Später der erste Satz: "Ich möchte ein solcher werden, wie einmal ein anderer gewesen ist." Der Einsager gibt vor. Waas wird zum Dompteur, zum Dresseur aus dem Off. Er taucht den Satz in verschiedene Ausdrucksweisen. Barletti alias Kaspar muss nachsprechen, einfach wiederholen. Es geht nicht um sinnerfüllten Inhalt, es geht auch nicht um Dialoge. Der Satz wird punktiert, mit Fragezeichen versehen, es wird geheult oder gelacht - einfach durchdekliniert. Eine Exerzierübung ist das, ein Erziehungsmodell fürs unmündige Objekt. Dass Barletti Italienerin ist und ihre Aussprache einen entsprechenden Akzent hat, verstärkt die bedrückende Situation. Man möchte fast sagen, hier wird jemandem Leitkultur eingetrichtert.

Diese gute Stunde im Moosacher Meta-Theater könnte auch als Integrationscrashkurs begriffen werden. Doch das Stück wurde geschrieben, als der Begriff noch gar nicht erfunden war. 1967 hat Handke das Theaterstück, das auf der Vorlage der rätselhaften Figur des Kaspar Hauser basiert, aus der Taufe gehoben, mitten in der Zeit der Studentenbewegung. Um Sprache geht es hier, um die Frage, inwieweit Sprache unser Denken, unsere Wahrnehmung, unsere Erkenntnis bestimmt. "Das Stück", so der Autor im Vorwort, "zeigt nicht, wie es wirklich ist oder wirklich war mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was möglich ist mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann."

Sprache schaffe Ordnung, wird erzählt, sie domestiziere ein für die Gesellschaft nützliches und gut funktionierendes Wesen. "Nur wer gesund ist, kann viel leisten," heißt es da etwa, oder "Die Arbeit entwickelt bei jedem ein Pflichtbewusstsein." Kaspar wird geradezu konditioniert. Und tatsächlich klebt der inzwischen Sprechen-Könnende fein säuberlich ein weißes Quadrat auf den Bühnenboden und stellt akkurat Tisch und Stühle in die Mitte des Raums. Normiert. Kaspar ist abrichtet. Die Gebotstafeln des Einsagers, die in Moosach mahnend an die Wände gepinnt werden, sind mächtig. Kaspar bekommt eines in die Hand gedrückt: "Du bist nicht zum Vergnügen auf der Welt." Das Prinzip ist angekommen.

Dieses Handkesche Versuchslabor ist voller politischer Brisanz, hoch aktuell. Die Gewalt des Textes samt seiner Radikalität geht unter die Haut. Es erschreckt, dass das, was vor gut fünfzig Jahren so brachial formuliert wurde, heute noch viel gnadenloser scheint. Der Zuschauer bleibt erschlagen zurück - und blickt mit Schaudern auf die Gegenwart.

Die beiden Darsteller Waas und Barletti führen diese Abrichtung bestechend vor. Ihr Spiel ist unmissverständlich scharf, ohne auch nur im Ansatz theatrale Attitüden aufzuweisen. "Es ist selbstverständlich, dass das Wohlbefinden von der Leistung abhängt," heißt es in dem Stück. Wie Recht Handke doch hat mit derartig bitterer Ironie. "Das Stück könnte auch 'Sprechfolterung' heißen", schreibt der Österreicher. Schade, dass das Meta Theater an diesem wichtigen Abend nicht ausverkauft war.