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Kommunikation in Krisenzeiten:Schlechte Nachrichten

Über "Kommunikation in Krisen" haben Hans-Peter Schmalzl (links) und Jalid Sehouli bei den Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen gesprochen.

(Foto: Christian Endt)

Polizeipsychologe Hans-Peter Schmalzl und Gynäkologe Jalid Sehouli bei Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen

Sein Tag endet mit einem Ritual. Nach getaner Arbeit steht Jalid Sehouli, Chefarzt für Gynäkologie an der Berliner Charité, regelmäßig im Supermarkt am Joghurt-Regal. "Ein Joghurt eicht und erdet mich", verrät er vergangenen Sonntag bei den 98. Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen. Mit dem Leiter des Psychologischen Dienstes der bayerischen Polizei Hans-Peter Schmalzl traf er sich dort zu einem Dialog über "Kommunikation in Krisen".

Durchschnittlich 13 Nachrichten überbringe er pro Tag seinen Patienten, sagt der Chirurg, drei davon seien schlechte. Wie geht man damit um? Er erzählt eine Geschichte aus seiner Praxis. Als junger Assistenzarzt hatte er eine 80-jährige Frau mitoperiert. Alles sei gut gegangen. Kurz nachdem die Dame aus der OP erwacht war, bekam er einen Anruf mit der Nachricht, dass sich ihr 92-jähriger Ehemann erschossen habe. Was tun? Er fragt um Rat, den Chefarzt, Psychologen im Haus. Man müsse es der Frau sagen, bekommt er immer wieder zur Antwort. So kurz nach ihrer OP? Das Thema beschäftigt ihn weiter. Inzwischen hat Sehouli ein Buch darüber geschrieben, es trägt den Titel "Von der Kunst, schlechte Nachrichten zu überbringen." Eines macht er in Markt Schwaben deutlich: man sollte Anteil nehmen, Empathie zeigen, dürfe aber keinesfalls selbst mitsterben.

Auch Hans-Peter Schmalzl kennt solche Situationen. Die Überbringung einer Todesnachricht gehört zu den Aufgaben von Polizeibeamten. Einen Unterschied beschreiben die beiden: Ärzte würden lange um den heißen Brei herumreden, während die Überbringung einer schlechten Nachricht bei der Polizei ziemlich unvermittelt gehe. Das habe schon damit zu tun, dass Menschen, vor deren Haustür uniformierte Beamten erscheinen, in einen kleinen Schockzustand gerieten, erzählt Schmalzl. "Sie wollen meistens sofort wissen, was passiert ist. Manche können noch nicht einmal abwarten bis man im Haus ist," so der Polizeipsychologe. "Es gehört nun mal zu unserem Leben, dass es nicht nur gute Nachrichten gibt," ergänzt der Berliner Arzt.

Beide waren sich einig, in Krisensituationen gehe es vor allem darum, eine Beziehung aufzubauen. "Was, wenn jemand am Finger verletzt ist? Für einen Pianisten ist das tragischer als für jemand anderen," sagt Sehouli. Man solle eine gewisse Achtsamkeit an den Tag legen, beobachten und zunächst beschreiben, ehe man bewertet. Neben der Frage, was mit dem Empfänger einer solchen Botschaft passiert, wurde vor allem die Situation der Überbringer beleuchtet. Immerhin, ein Arzt überbringt an die 200 000 essenzielle Botschaften in seinem Berufsleben. "Ehrlichkeit ist wichtig," betont der Chefarzt. Die Mitteilung einer schlechten Nachricht sei Segen und Fluch zugleich, so der Polizeipsychologe. "Als Polizist ist man zwar schnell wieder aus der Situation heraus, dennoch werden sie manche Kollegen innerlich nicht so einfach wieder los." Albträume etwa könnten die Folge sein.

Schmalzl hob aber hervor, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges in Polizeikreisen geändert habe, das Vorgehen sei deutlich besser geworden, die Kollegen wesentlich besser geschult und sensibilisiert, solche Situationen würden im Gegensatz zu früher inzwischen auch geübt, dennoch: "Es ist noch viel zu tun." Aus seiner Sicht sei der Psychologische Dienst der bayerischen Polizei zu klein. 20 Leute arbeiten dort in ganz Bayern, zehn davon sind Psychologen. "Natürlich ist in die Polizeiarbeit inzwischen viel investiert worden, die Frage ist einfach, ob diese Investments an die richtige Stelle geflossen sind."

Jalid Sehouli kritisierte vor allem, dass die Kommunikation in der Medizin einen viel zu schlechten Stellenwert besitze. Als Grund sieht er die Ökonomisierung. Für Gespräche könne man im Gegensatz zu medizinischen Untersuchungen viel zu wenig abrechnen. "In unserem System existieren falsche Rahmenbedingungen. Es ist nicht gut, so wie es ist." Sein Credo: "Wir brauchen Raum für gute Kommunikation." Das zahlreich erschienene Publikum folgte äußerst aufmerksam. Fragen an die beiden Referenten hatten die Zuhörer reichlich.