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Kommentar:Vor dem Sturm

Wenn Corona vorbei ist, wird eine weitere Krise kommen, die besonders die Landkreise im Münchner Umland mit Wucht trifft: Eine noch stärkere Überhitzung des Wohnungsmarktes mit allen bekannten Folgen

Von Wieland Bögel

Nach dem Spiel sei vor dem Spiel, so ein beliebter Sportlerspruch. Abseits des athletischen Agon könnte man ihn abwandeln in "Nach der Krise ist vor der Krise". Die erste der beiden ist natürlich Corona, diese Krise wird irgendwann wieder vorbei sein - und dann vermutlich gefolgt werden von einer zweiten Krise, die besonders die Landkreise im Münchner Umland mit Wucht treffen wird: Eine noch stärkere Überhitzung des Wohnungsmarktes mit allen bekannten Folgen.

Selbst die Corona-Krise hat den Zuzug in die Region nicht gestoppt, allenfalls ein bisschen verlangsamt. Was demnächst folgen wird, kennt man von vergangenen Krisen: Der berüchtigte Nachholeffekt setzt ein. Ein bisschen war dieser im vergangenen Sommer schon zu bemerken, als die Zuzüge ins Umland teilweise über jenen der Vor-Corona-Zeit lagen. Dieser Effekt dürfte sich spätestens im kommenden Jahr, vermutlich aber schon in der zweiten Jahreshälfte 2021 richtig bemerkbar machen. Ein Indiz dafür ist, dass die Bautätigkeit auch in Krisenzeiten unverändert weitergeht, lediglich der Bezugstermin scheint sich etwas zu verzögern. Ein weiterer Effekt der Corona-Krise könnte den Zuzug noch weiter anheizen: die verstärkte Cluster-Bildung. Viele Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass Corona mittel- und langfristig die Ballungsräume stärken wird. Spätestens nach der Bundestagswahl, wenn die Motivation der Politik zu großzügigen Staatshilfen merkbar nachlassen dürfte, wird die eine oder andere Firma aufgeben müssen. Je weniger Firmen aber an einem Ort sind, desto unwahrscheinlicher, dass die entlassenen Arbeitskräfte dort einen neuen Job finden - und umgekehrt. Darum werden noch mehr Leute ihre Zukunft in den Ballungsräumen sehen und dort auch eine Bleibe suchen. Was folgt ist ebenso bekannt: Die Bevölkerungszahlen steigen, die übliche Verdrängung der weniger Begüterten nach außen setzt ein - wieder verstärkt durch die Corona-Krise, die den Anteil der Geringverdiener erhöhen dürfte - und der Ballungsraum wird nicht nur voller sondern breitet sich auch wieder ein Stück weiter aus.

Wie schnell diese Effekte einsetzen und wie stark sie regional ausfallen, ist natürlich noch nicht sicher. Dass auf Landkreise und Gemeinden einige Arbeit zukommen wird, dagegen schon. Die Infrastruktur - seien es Verkehrswege, Schulen, Kitas oder auch Altenheime - wird in absehbarer Zeit massiv ausgebaut werden müssen. Und das in einer Zeit, in der die Steuereinnahmen noch deutlich unter dem Zeichen von Corona stehen dürften: Auf der kommunalen Ebene hat die Krise gerade erst begonnen.

© SZ vom 20.04.2021
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