bedeckt München 22°

Kommentar:Nicht nur verbranntes Geld

Auf den ersten Blick erscheint es einfach nur peinlich, dass der Ebersberger Impfnachweis nicht mit der deutschlandweiten App kompatibel ist. Doch der Fall legt auch noch etwas ganz anderes offen

Von Johannes Korsche

Der erste Reflex ist denkbar einfach und naheliegend: Es ist eine politische Peinlichkeit, dass der digitale Impfausweis aus Ebersberg nun allen Ankündigungen zum Trotz doch nicht mit der bundesweiten Lösung kompatibel ist. Und auf den ersten Blick ist es auch eine Verschwendung von Steuergeld - genauer von einer immerhin fünfstelligen Summe, die das Landratsamt in die Alive-App gesteckt hat. Die App dürfte in Bälde wieder von den Ebersberger Smartphones gelöscht sein, und es bleiben einzig jene feierlichen Worte übrig, mit denen sich Landrat Robert Niedergesäß (CSU) einst für die Vorreiterrolle des Landkreises selbst lobte. Allerdings führt der erste Reflex - wie so oft - nicht weit genug. Denn das Scheitern offenbart noch viel Spannenderes.

Bei all der Kritik gilt für die Entscheidung, einen digitalen Impfausweis auf eigene Faust zu starten, dasselbe wie für nahezu jede politische Entscheidung in der Pandemie: Scheitern erlaubt. Es gibt schlicht keine Erfahrungswerte, was funktionieren wird - und was nicht. Nur den Versuch, dem Virus Herr zu werden. Im Nachhinein auf der Grundsatzentscheidung für eine eigene App rumzuhacken, ist daher im besten Falle besserwisserisch, im schlechtesten Falle unfair. Zumal der Ebersberger Nachweis so programmiert ist, dass er mit den deutschlandweiten Apps kompatibel sein könnte.

Die Alive-App offenbart allerdings trotzdem zwei Dinge, die dem Landrat nicht gefallen dürften. Erstens: Seine Behörde hat offensichtlich kein Problem damit, Dinge zu versprechen, auf die sie letztlich keinen Einfluss hat. Sich darauf zurückzuziehen, dass eben der Bund nicht mitspielt, weil er keine Schnittstelle zwischen den digitalen Nachweisen schaffen will, ist durchschaubar billig. Es war nicht der Bund, der sich mit dem Versprechen der Kompatibilität brüstete. Zweitens, zeigt sich mit dem Ebersberger Impfausweis, dass selbst Niedergesäß dem Gesundheitsminister der Schwesterpartei, Jens Spahn, nicht mehr zutraut, "liefern" zu können. Seien es versprochene Impfdosen - oder eben einen digitalen Impfausweis.

© SZ vom 15.06.2021
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB