Kammermusik in Zorneding Gut fürs Herz

Klasse Kammermusik: Pianist Oliver Triendl hat wieder wunderbare Kollegen nach Zorneding geholt.

(Foto: Christian Endt)

Sextett öffnet die Sinne für selten Gespieltes aus Osteuropa

Von RITA BAEDEKER, Zorneding

Einmal mehr hat sich Oliver Triendl, Pianist und künstlerischer Leiter des Kulturvereins Zorneding-Baldham, als Lordsiegelbewahrer selten gespielter Schätze der Kammermusik präsentiert. Zusammen mit dem französischen Solo-Klarinettisten Philippe Berrod und dem Prager Škampa Quartett erlebte das Publikum am Sonntag im Martinstadl Werke, die in den von Krieg und Verfolgung geprägten Jahren von 1886 bis 1945 entstanden sind. Von Heimsuchungen durch die deutsche Wehrmacht und den Stalinismus blieben vor allem jüdische Komponisten nicht verschont, die der um die Jahrhundertwende aufblühenden musikalischen Landschaften Tschechiens und Russlands, vor allem Sankt Petersburgs, entstammten.

Da ist die 1919 entstandene Ouvertüre über hebräische Themen von Sergej Prokofjew. Der Komponist war während der Oktoberrevolution nach New York emigriert. Dort traf er auf Studienfreunde, die ein Klezmer-Ensemble gegründet hatten und ihm ein Heft mit hebräischen Liedern in die Hand drückten - mit der Bitte, er solle ihnen daraus etwas Schönes komponieren. Prokofjew wählte zwei Stücke aus, verwob und verdichtete sie in der ihm eigenen grotesken, oftmals exzentrischen Klangsprache zu einem Stück von großem Zauber. Dem Zornedinger Sextett gelingt eine Interpretation, die alle Sinne öffnet für die reiche Musiklandschaft, in der das Quartett verwurzelt ist, einer Landschaft warmer und weicher Klangfarben bei den Streichern, begleitet vom tiefen Samt der Bläser - auch wenn es hier ein Franzose ist, der die Klarinette spielt. Es ist ein Singen der Instrumente, das auch Triendl am Flügel auskostet.

Leoš Janáček und sein "Kreutzersonate" genanntes Streichquartett gehören zu dieser Landschaft, Komponist und Werk sind sozusagen Teil der DNA des Quartetts, das aus Helena Jiříkovská und Adéla Štajnochrová, Violinen, Martin Stupka, Viola, und Lukáš Polák, Violoncello, besteht. In diesem Werk zeichnet Janáček ein blutiges Eifersuchtsdrama nach, die Vorlage war Leo Tolstois gleichnamige Erzählung, in deren Mittelpunkt wiederum Beethovens "Kreutzersonate" steht. Der Komponist hat jedem der vier Sätze ein "con moto" mitgegeben, es wird gewütet, geweint, gegrollt, gemordet, hoch kocht der Zorn im Tremolo. Die emotionale Wucht bricht sich in den Spieltechniken Bahn; da wird nahe am Steg gegeigt, was zu schrillen Obertönen führt, einzelne Passagen klingen, als reibe sich Stein an Glas, dann wieder tönt die Geige zerbrechlich wie ein Hauch. Die Musiker sind dabei viel mehr als nur virtuos: Sie verstehen die in der Musik ausgedrückte Seelenpein in ihrer ganzen Tiefe und loten jede Regung aus.

Das gilt auch für Mieczysław Weinbergs Klarinettensonate, die so schön ist, dass Berrod von ihr sagt, sie sei "gut fürs Herz". Weinberg, 1919 in Warschau geboren, floh nach dem Überfall der Wehrmacht 1939 nach Minsk und 1941 nach Taschkent. Seine Familie wurde ermordet, er selbst später von Stalins Schergen verhaftet, durch den Tod des Diktators kam er mit dem Leben davon. Weinbergs Musik ist von jüdischen Traditionen inspiriert. Hier kann Berrod, erster Soloklarinettist des Orchestre de Paris, mit einer ganzen Palette an Klangschattierungen glänzen, mit narrativ-improvisatorischen Tonfolgen, mit verhalten-wehmütigem Timbre, zart, scharf, jazzig. Triendl, der auch seine Soli hat, spielt mal wie entrückt, mal donnern die Akkorde wie Glockenschläge. Besonderen Zauber entfaltet der zweite Satz mit seinem schrägen Marsch-Rhythmus, bei dem eine Kompanie Kobolde vor dem inneren Auge vorbeizieht.

Das von Berrod beschworene Herz schlägt auch bei der "Rêverie Orientale" von Alexander Glasunow ruhiger. Der 1865 in Sankt Petersburg geborene Komponist verarbeitet in seiner Träumerei exotisch-orientalische Harmonien mit ihren Viertelton-Schritten zu einem feinen Klanggespinst. Weiterträumen ist erlaubt beim Klavierquintett in h-Moll von Philipp Scharwenka - ein Rätsel, dass dieses wunderschöne Werk nicht häufiger auf den Spielplänen zu finden ist. Als Max Reger zugeneigter Spätromantiker, 1847 in Posen geboren, bedient er sich aller Stilmittel der Romantik - Sprengen formaler Grenzen, Betonung der Gefühlswelt, Melodieseligkeit, Motivreichtum. Und weil so viel Schönklang einlullt, gibt es als Zugabe einen Rausschmeißer der Luxusklasse: das furios gespielte Scherzo aus dem Klavierquintett in A-Dur von Dvorak. Auch das Musik fürs Herz!