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Hörgenuss in Vaterstetten:Quartett-Idee auf die Spitze getrieben

Notos Quartett Rathauskonzerte VS

Das "Notos Quartett" hat schon viele namhafte Preise gewonnen. Völlig zu Recht, wie es beim Rathauskonzert Vaterstetten beweist.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Notos" beschert den Rathauskonzerten eine Demonstration an musikalischer Gestaltungskraft

Von Ulrich Pfaffenberger, Vaterstetten

Technik, Fantasie, Leidenschaft. Drei Eigenschaften, die man als klassisches Quartett vereinen muss, um zu begeistern. Was jedoch nicht davon abhält, ein Programm aus Stücken zusammenzustellen, die jeweils eine davon bevorzugt bedienen. So geschehen am Sonntagabend beim Rathauskonzert in Vaterstetten, bei dem das Notos Quartett zunächst bei den stilistischen Feinheiten Robert Schumanns seine spielerischen Fertigkeiten demonstrierte, dann den musikalischen Bildern Bryce Dessners lebendigen Ausdruck verlieh und schließlich bei Béla Bartók die Sinne im Gleichklang zu den Saiten schwingen ließ. Kurzum: Das achte Abonnementkonzert dieses Jahres hatte es in sich.

Diese Bewertung ist schon deswegen angebracht, weil das - abschließende - Klavierquartett c-Moll mit der Opusnummer 20 in vielerlei Hinsicht eine Rarität ist. Komponiert von einem 18-jährigen Bartók, der voller Sturm und Drang ins Komponistenleben aufbricht, dem man den Respekt vor den Vorbildern noch einen kleines bisschen anmerkt, der viel mehr aber noch die Energie versprüht: Jetzt komme ich. Werke aus diesen Lebens- und Schaffensphasen sind stets eine höchst anregende Angelegenheit, weil sie sich eben nicht in die typische "Typisch X"-Schublade einsortieren lassen. Was der Komposition zusätzlichen Reiz verleiht, ist die Geschichte ihres Wiederfindens, nachdem sie lange Zeit ein Schattendasein geführt hatte. Notos hat die Handschrift in einem Archiv wiederentdeckt und sich das Werk zu eigen gemacht. Wer sich die vier temporeichen und mit praller Melodik gefüllten Sätze in der Interpretation des Quartetts miterlebt, verspürt eine innere Sicherheit darüber, dass Musik und Interpreten füreinander bestimmt waren. Der zweite Satz ist eine Demonstration in ganzheitlichem Spielverständnis, bei dem die Pianistin Antonia Köster ihr Instrument gelegentlich wie einen vierten Streicher wirken lässt und damit die Quartett-Idee auf die Spitze treibt - um dann im dritten, romantisch angelegten Satz die Idee eines "Adagio espressivo" mit lyrischer Eleganz auszukosten und den Klang des Flügels hineingleiten zu lassen in das von den Streichern bereitete Bett. Herzklopf-Atmosphäre!

Zuvor hatte sie beim einleitenden Klavierkonzert Es-Dur von Robert Schumann die Klavierstimme vor einer möglichen Dominanz bewahrt und in einen intensiven Dialog vor allem mit dem Cello geführt, den Philip Graham mit Verve und Feinsinn aufnahm. Das nahezu blinde Verständnis zwischen den beiden war ein sinnlicher Genuss - was in gleichem Maß, aber anderer Form auch für Sindri Lederer (Violine) und Andrea Burger (Viola) zutrifft, deren Wechselspiel zeitweise eine Intensität und ein Tempo annahm, als wären die beiden Stimmen eins. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das war kein Quartett aus zwei Gruppen, sondern die vollkommen umgesetzte Idee, aus dem nebeneinander Spielen ein miteinander Gestalten zu machen. Man versteht, warum diese Vier schon eine ganze Reihe namhafter Preise gewonnen haben; es werden nicht die letzten gewesen sein.

Einen, der nicht offiziell betitelt und bestückt ist, haben sie sich am Sonntag im gut besetzten Saal des Seniorenheims Vaterstetten auf jeden Fall verdient: Für die fantasievollste Interpretation im diesjährigen Konzertzyklus. Mit "El Chan", einem in sieben Miniaturen gefassten Bild eines unheimlichen Schutzgeistes, der an einem mystischen Weiher haust, haben sie sich hineinbegeben in eine geistreiche Komposition des Amerikaners Bryce Dessner, die von Farben und Formen nur so strotzt, verdichtet in Tonbilder von dramatischer Spannung und mutigen Experimenten. Ausgefeilte Dynamiken, verblüffende Fermaten und Ritardandos, blitzschnelle Perspektivwechsel und nur sekundenlang aufblühende Motive: Das cineastische Prinzip des Cliffhangers erhält hier seine musikalische Entsprechung in Reinform umgesetzt. Das, was manche an "moderner" Klassik abschreckt, wird in den Händen des Notos Quartetts zum Kitzel für Geist und Sinne, zu einer imaginären Filmmusik, die im Zuhörer die Sehnsucht nach einem Film zur Musik reifen lässt - und die Zweifel, dass es einem Regisseur gelingen könnte, diese bewegenden Tonfolgen mit bewegten Bildern zu verbinden.

Vom Publikum erhielt das Notos Quartett fachkundigen und intensiven Applaus, zu gleichen Teilen für Technik, Fantasie und Leidenschaft - und in jeder Hinsicht zu Recht.

© SZ vom 26.11.2019
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