Hilfsprojekt aus Ebersberg:"Diese Kinder haben schlimme Sachen erlebt"

St. Sebastian Ebersberg Arbeitskreis Partnerschaft, Projekt für Kinder aus prekären Elternhäusern in Equador

Manche der Jungen aus dem Kinderheim "Casa Hogar" haben auf der Straße gelebt, dort Tag für Tag Gewalt gesehen und gespürt, andere erfuhren Gewalt im eigenen Zuhause. Aus Ebersberg erhält die Einrichtung Unterstützung.

(Foto: Privat)

Der Arbeitskreis "Casa Hogar" der Ebersberger Pfarrgemeinde St. Sebastian setzt sich für notleidende Jungen in Ecuador ein. Zum zehnjährigen Bestehen der Partnerschaft gibt es an diesem Sonntag einen Jubiläumsgottesdienst

Von Jörg Lehne, Ebersberg

Kindheit ist für die Glücklichen unter uns eine Zeit der Geborgenheit inmitten von Freunden und Familie, ohne Armut oder Gewalt. Für viele Kinder aus Santo Domingo in Ecuador ist das anders. "Heute lag ein Baby vor meiner Türe". Das schreibt Teresita Moncada manchmal ihrer Freundin Maria Helminger. Moncada leitet die Kindereinrichtung "Casa Hogar de Jesús" in Santo Domingo, die Jungen aus prekären Verhältnissen Hilfe bietet. Das Kinderheim in kirchlicher Trägerschaft stellt ein aufwendiges und ambitioniertes Projekt dar und soll den Jungen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben zurückgeben. Dies geht nicht ohne finanzielle Unterstützung. Ein Teil der Mittel kommt aus einem Ort, der nur wenigen Menschen in Ecuador bekannt sein dürfte: Ebersberg.

Hier setzt sich der Arbeitskreis "Casa Hogar" der Pfarrgemeinde St. Sebastian das ganze Jahr über für das Kinderheim ein. Maria Helminger ist aktives Mitglied im Arbeitskreis. Einst leiteten sie und ihr Mann Anton Helminger selbst für drei Jahre ein Jugendhaus für Mädchen in Santo Domingo. Aus dieser Zeit rührt auch die bis heute andauernde enge Freundschaft mit Teresita Moncada. Als der Arbeitskreis durch die Initiative von Pietro Brenner vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, suchte man zunächst noch nach einem Projekt, das man unterstützen könnte. Es müsse eines sein, bei dem man einfach Kontakt halten kann und wo man wisse, wohin das Geld geht. Die Helmingers lieferten die Antwort.

"Ich muss Teresita bewundern!", sagt Anton Helminger. Aus seinen eigenen Erfahrungen weiß er, welche anspruchsvolle Aufgabe Moncada und ihr Team zu bewältigen haben und um die Verantwortung, die damit einhergeht. Manche der Jungen haben auf der Straße gelebt, dort Tag für Tag Gewalt gesehen und gespürt, andere erfuhren Gewalt im eigenen Zuhause. Ab und zu werden Jungs von der Polizei zur Einrichtung gebracht, doch manchmal sind es die Eltern selbst, die fürchten, ihr Kind aus eigenen Kräften nicht mehr ernähren zu können. Im Casa Hogar de Jesús erhalten die Jungen ein Zuhause, schulische Bildung und die Chance auf ein normales Leben. Im besten Fall ist die Aufnahme nur zeitweise. Neben der Betreuung der Kinder bemüht sich das Kinderheim um den Kontakt zu ihren Familien, um mit ihnen zusammen eine sichere familiäre Umgebung zu schaffen, in die die Kinder zurückkehren können. "Diese Kinder haben schlimme Sachen erlebt. Das Kinderheim kann das zu einem Teil kompensieren und vielleicht sogar heilen. Es bietet aber keinen Ersatz für eine gesunde Familie", sagt Anton Helminger.

Ebersberg und Santo Domingo trennt eine Luftlinie von 10 113 Kilometern. Doch durch WhatsApp und die zahlreichen Berichte von Moncada wissen die Mitglieder des Arbeitskreises stets, was am anderen Ende der Erde passiert. Unlängst berichtete Moncada, dass für die Kinder eine Finca gebaut wurde, in der sie sich über das Wochenende auch außerhalb der Anlage aufhalten können. "Während Corona war das die Rettung. Die Kinder konnten raus und waren nicht eingesperrt", berichtet Maria Helminger. Der Großteil der Geldmittel, die der Arbeitskreis zusammenträgt, fließt in Strukturmaßnahmen wie diese.

Jeden Monat treffen sich die 17 Mitglieder des Arbeitskreises. Es ist eine bunt durchmischte Truppe, vom Arzt bis zur Pastoralreferentin. Alle sind sie Menschen mit sozialem Engagement, wie Maria Helminger erzählt. Sie selbst ist von Beruf Krankenschwester auf einer Intensivstation. "Wir hätten auch alle einfach überweisen können", sagt sie. Stattdessen aber wollte man Projekte auf die Beine stellen, um Geld zu verdienen. Zu diesem Zweck organisieren die Mitglieder alljährlich ein Solidaritätsessen mit südamerikanischen Spezialitäten, verkaufen Brote zum Erntedankfest, oder servieren auf dem Ebersberger Christkindlmarkt heißen Caipirinha. Alle Einnahmen gehen an das Kinderheim.

Für dieses kommt jeder Cent gelegen und der Bedarf dürfte auch in den nächsten Jahren nicht sinken - im Gegenteil. Seit 20 Jahren lebten immer mehr Menschen in Santo Domingo unter der Armutsgrenze, sagt Anton Helminger. Zudem würden viele Eltern auf der Suche nach besseren Erwerbsmöglichkeiten ins Ausland auswandern, was viele Familien strapaziere, manche gingen daran zu Bruch. Schon jetzt kann das Kinderheim viel weniger Plätze zur Verfügung stellen, als es Kinder in Not gibt, so Helminger. Doch wenn auch nicht allen geholfen werden kann, sorgen Leistungen von externen Einrichtungen, wie dem Arbeitskreis "Casa Hogar" dafür, dass den Kindern, denen Hilfe angeboten werden kann, dort auch die bestmögliche Betreuung zuteilwird.

Zehn Jahre dauert die Partnerschaft mit Ecuador schon an und doch versprüht Maria Helminger noch immer Begeisterung, wenn Sie von den vielen Projekten des Arbeitskreises erzählt oder von gemeinsamen Radtouren oder Ausflügen in die Berge. "Wir können feiern, aber wenn es was zu tun gibt, können wir auch richtig zulangen", sagt sie. Die Begeisterung für das Partnerschaftsprojekt schlägt sogar über in die nächste Generation. Unter den Mitgliedern des Arbeitskreises seien viele, deren Kinder im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes selbst über mehrere Monate bei Teresita Moncada vor Ort waren, um zu helfen, erzählt sie. Einige engagierten sich zudem auch daheim weiterhin. Das weitere will Maria Helminger zudem besonders betonen: Neue Kräfte sind immer willkommen.

An diesem Sonntag, 24. Oktober, gestalten der "AK Casa Hogar" und die "Hallelujaband" einen Jubiläumsgottesdienst in Sankt Sebastian Ebersberg zur zehnjährigen Partnerschaft mit Ecuador.

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