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Hilfe aus den Landkreisen Ebersberg und Erding:Nähen, bis die Nadeln glühen

Ein Facebook-Aufruf setzt Trend in Gang: Mehr als 100 Freiwillige sind im Einsatz zur Produktion von Schutzmasken

Fast kann man sich bildlich vorstellen, wie der grüngesichtige Händler aus der Sesamstraße beim Öffnen des Mantels sein aktuellstes Angebot an den Mann oder Frau zu bringen versucht: "Pssst! Wollen Sie Schrägband kaufen?" Wem nun seinerseits die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben sind, der hat womöglich im Fach "Textiles Werken" gefehlt. Vor allem aber ist demjenigen entgangen, dass "halb Deutschland offenbar Masken näht", wie Sonja L. aus Zorneding die Knappheit des derzeit heiß begehrten Zubehörs erklärt. Die 45-jährige, die ihren vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, gehört mit ihren Freundinnen Katja, Birgit, Melli und Linda zu den rund 100 Hobbynäherinnen aus den Landkreisen Ebersberg und Erding, die sich seit einigen Tagen im Maskenproduktionsmodus befinden.

Animiert wurden sie dazu von Iris Drokan und Moni Poller aus Neustockach in der Gemeinde Hohenlinden, seit Kindertagen befreundet und mittlerweile sogar verschwägert. In diesem Februar haben sich die Rechtsfachwirtin und die Kinderpflegerin mit "Klein, aber oohoo" einen lang gehegten Traum erfüllt; seitdem gibt es im Keller ihres Wohnhauses statt eines gemeinsamen Nähzimmers auf 20 Quadratmetern ein Geschäft für handgemachte Geschenke und Deko-Artikel, vor allem aber für Kurzwaren, Wolle und Stoffe.

Darum fühlen sich die beiden Laden-Inhaberinnen, die den Verkauf via Whats-App-Beratung, Telefon und E-Mail aufrechterhalten, sofort angesprochen, als sie im Internet auf die Bitte der Kinderklinik "Dritter Orden" aufmerksam werden: für den Einsatz in "patientenfernen Bereichen" werden Spenden von Mund-Nasen-Schutz-Masken gebraucht. Schnell tüfteln Drokan und Poller einen leicht nachnähbaren Prototyp in Einheitsgröße aus und starten einen Rundruf an ihre Nachbarn, bevor sie ein Posting auf ihrer eigenen Facebookseite veröffentlichen, um willige Helfer für die Verarbeitung des Materials zu suchen, das sie fertig zugeschnitten zur Verfügung stellen.

In ihrem kleinen Deko-Laden im Hohenlindener Ortsteil Neustockach produzieren Iris Drokan (rechts) und Moni Poller bunte Atemschutzmasken aus Stoff.

(Foto: Privat)

So viel persönliches und finanzielles Engagement überzeugt nicht nur die eingangs erwähnten Frauen aus Zorneding, sondern es melden sich Freiwillige von Isen bis Aßling. "Da sitzt so manche Oma an ihrer alten Nähmaschine," sagt Drokan, die allen Beteiligten unglaublich dankbar für ihren Einsatz ist. Auch im eigenen Haus setzt dieser sich fort: Sämtliche Familienmitglieder sind damit beschäftigt, die bunten Stoff zuzuschneiden oder Draht zu biegen.

Um die Logistik kümmert sich der Nachbar. Heinrich "Heini" Konstant beliefert die "helfenden Hände" mit Material-Paketen und holt die fertigen Endprodukte später auch wieder ab - alles kontaktlos natürlich. Dafür hat der Lagerist erst seinen freien Tag geopfert und setzt sich nun jeweils direkt nach der Arbeit ins Auto. Bis Mittwochabend landen so 70 Masken direkt in der Klinik, während 150 fertige Exemplare nebst 700 weiteren, für die sich das Rohmaterial bereits im Umlauf befindet, in Hohenlinden darauf warten, auf die Reise zu gehen.

Ob diese allerdings in München enden wird, ist nicht sicher, denn mittlerweile ist der Bedarf vom "Dritten Orden" gedeckt. Doch es gibt andere potenzielle Empfänger: Drokan steht bereits in Kontakt mit der Krebsstation des Haunerschen Kinderspitals, auch die Kinderklinik in Landshut käme in Frage. "Wir konzentrieren uns weiterhin auf Krankenhäuser für Kinder, denn das entspricht ja unserem ursprünglichen Aufruf", sagt die dreifache Mutter. Tipps liefert zudem eine Gruppe aus 13 Klinik-Clowns und helfenden Unterstützern, die sich ebenfalls an die Nähmaschinen gesetzt haben, so lange sie wegen des Kontaktverbots keine kleinen Patienten oder Menschen in Altersheimen zum Lachen bringen können.

Viele im Landkreis folgen diesem Trend und helfen ebenfalls mit.

(Foto: Privat)

Doch das Thema an sich ist nicht nur für Einrichtungen im Gesundheitsbereich relevant. Experten wie der Virologe Christian Drosten meinen, dass zwar die knapp vorhandenen medizinischen Masken unbedingt für Berufe mit Patientenkontakt reserviert bleiben sollten, zum Fremdschutz und als Erinnerung an den Ernst der Lage aber selbst gemachte Masken für alle anderen eine durchaus wünschenswerte Option seien. Auch deswegen wird das Netz derzeit von Fotos zahlreicher Prominenter geflutet, bei denen nur die Augen über dem Mundschutz zu sehen sind. Unter dem Hashtag #maskeauf wollen sie ihre Fans dazu bringen, in der Öffentlichkeit ebenfalls eine Schutzmaske zu tragen - wie Fernseh-Moderatorin Anne Will twittert: "Geht auch beim Joggen."

Sollte der Plan aufgehen, wird man sich auch hierzulande, wie in Asien, an den Anblick von Menschen mit Maske gewöhnen müssen. Im Hinblick darauf erweitern einige Macherinnen der ursprünglichen "Dritter-Orden"-Unterstützergruppe ihren Aktionsradius und planen nun in Eigenregie erst - falls gewünscht - die Belieferung der Ebersberger Kreisklinik und dann die Versorgung von Familie und Freunden. Sonja L., Katja und die anderen Mitglieder ihrer Whatsapp-Gruppe lassen dafür täglich bis zu fünf Stunden die Nadeln glühen. Stellen aus Baumwolle und Moltontuch mit auf eigene Kosten besorgtem Material und Zubehör die unterschiedlichsten Mundschutzvarianten her, mal mit Gummi, mal mit Band. Welcher man den Vorzug gibt, hängt von den persönlichen Vorlieben ab - wichtig ist nur die Waschbarkeit bei 60 Grad. Die Frauen tun dies wohlgemerkt neben ihrer Arbeit in unterschiedlichen "systemrelevanten" Berufen, der sie außerdem noch nachgehen. Sogar die Kinder, durch die sich die fünf Mütter kennengelernt haben, leisten ihren Beitrag: Klammheimlich und komplett in Eigenregie hat Sonjas zwölfjährige Tochter über ihre Jugendgruppe Stoff besorgt. Bestimmt wird die Siebtklässlerin dafür eine besonders schöne Maske erhalten, das hat sich ihre Mama schon fest vorgenommen.

Sofern ihr nicht das eingangs geschilderte Problem des mangelnden Bandes zum Einfassen des Stoffes dazwischenfunkt. Beheben ließe es sich entweder durch den Einsatz eines per 3D-Druckers hergestellten Schrägbandformers, wie jemand in der mehr als 5500 Mitglieder starken Facebook-Gruppe "Mundschutz nähen ehrenamtlich" vorschlägt. Oder durch Spenden: "Vielleicht haben ja noch mehr Leute welches daheim, das nur rumliegt", hofft man in Zorneding. Über Angebote sind die Helfergruppen sicher dankbar - auch wenn diese nicht von einem grüngesichtigen Händler kommen.

© SZ vom 28.03.2020
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