Grafing:Vita in Versen

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Grafing: Lars Ruppel stellt bei seinem Auftritt im Gymnasium Grafing die Schüler in den Mittelpunkt.

Lars Ruppel stellt bei seinem Auftritt im Gymnasium Grafing die Schüler in den Mittelpunkt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei seinem Auftritt im Grafinger Gymnasium verbindet der Slam-Poet Lars Ruppel Wortkunst und Pädagogik und motiviert Jugendliche, sich selber auf die Bühne zu stellen

Von Anselm Schindler, Grafing

Warmer Blick, charmantes Lächeln und ein Händedruck, der einige Momente länger dauert, als es das ungeschriebene Regelwerk der sozialen Interaktion vorschreibt: Das ist der erste Eindruck von Poetry-Slammer Lars Ruppel. Der perfekte Schwiegersohn, auf den ersten Blick, aber erste Eindrücke können trügen: Bereits in den ersten Minuten, in denen er auf der Bühne im Untergeschoss des Grafinger Gymnasiums steht, zeigt der Berliner Wort-Künstler Ruppel seine kantige Seite. Er bezeichnet den Comedian Mario Barth als doofen Sexisten und kokettiert mit einem Brandanschlag auf den Springer-Verlag. Der Schwiegersohn kann auch austeilen.

Auf seiner Hass-Liste stehen neben Barth und der Bild-Zeitung auch Nazis und der FC-Bayern. Die Wut auf die störenden Dinge im Leben ist dann auch das zentrale Motiv der Gedichte, die neun Schüler des Gymnasiums an diesem Abend auf der Bühne im Untergeschoss, genannt Badewanne, zum Besten geben werden. Bereits am Nachmittag hat Lars Ruppel mit Schülern des Gymnasiums drei Stunden lang an Texten und Versen gebastelt, ihnen zu vermitteln versucht, wie spielerisch mit Sprache umgegangen werden kann. Das jedenfalls scheint ihm gelungen zu sein: "Er hat uns mit seiner Art, wie er auftritt, überzeugt", sagt Felix Dänekamp, 18 Jahre, Klasse Q10.

Slampoet Ruppel könnte auch alleine unterhalten. Doch bei seinem Auftritt am Grafinger Gymnasium stellt er gezielt die Schüler in den Mittelpunkt. In seinem Gedicht, das Felix Dänekamp vor rund 150 Schülern, Eltern und Lehrern rezitiert, beschäftigt er sich mit dem Phänomen Brille: "Die Brille thront auf Nasenrücken, sie herrscht und peitscht sich einzudrücken, bohrt ihre Stachel tief hinein, ins weiche Fleisch bis aufs Gebein." Applaus. "Ich hab ja selber eine Brille", sagt Schüler Felix nach der Veranstaltung und tippt mit seinem Zeigefinger an den Rand der Gläser. Der ironische Umgang mit dem, was einen - ob in der Umwelt oder an sich selbst - stört, ist typisch für den Poetry-Slam. Selbstironie macht souverän. Die Arbeit von Ruppel hat nicht zuletzt pädagogischen Wert. "Das macht ihr super!", ruft Ruppel den Schülern zu. Etwas anderes als Poetry-Slammer habe er nie werden wollen, sagt Ruppel. Keine Ausbildung, kein Studium, nur Abitur und Wortkunst. Damit fährt der inzwischen 30-Jährige bisher gut, bis zu 300 Mal pro Jahr stehe er auf der Bühne sagt der Wort-Jongleur über sich selbst. Am Tag nach dem Auftritt in Grafing hat Ruppel bereits den nächsten Termin im Landkreis: Gemeinsam mit Schülern besucht er demenzkranke Menschen im Seniorenwohnpark Vaterstetten. Sein Ziel: "Diese Menschen über Sprache zu erreichen und den Austausch mit den Schülern zu ermöglichen.

Das Hören ist der erste Sinneseindruck des Menschen von seiner Außenwelt, "schon im Mutterleib hört man", sagt Lars Ruppel. Und zu hören bekommt das Publikum an diesem Mittwoch Abend nicht weniger als die künstlerische Biografie des Slammers, abgehandelt in Versen die sich über die Jahre angesammelt haben. Schwerpunkt: Die ersten dichterischen Gehversuche Ruppels, von denen er sich im Nachhinein distanziert, wie der Slammer mit einem Lachen sagt. "Können nicht essen ohne zu kleckern und spielen zu selten an Steckdosen-Steckern", eine Zeile die der Wort-Poet in einem Gedicht über Kinder schrieb, als er 16 war.

Freilich hat Ruppel weit mehr zu bieten: Klug in Verse gepackte Balladen über das aktuelle Zeitgeschehen, minutenlange tiefgründige Reim-Salven, in denen man denkt, er müsse gleich ersticken, weil er sie, ohne zwischendurch Luft zu holen aus dem Mund purzeln lässt. Doch mit der Preisgabe der jüngeren, banaleren Stücke macht er sich nahbar und schafft Identifikationsfläche für die Jugendlichen.

Bevor sich der Saal leert, wartet eine Schlange Menschen vor einem Tisch, an dem Ruppel sein Buch "Holger die Waldfee" verkauft. Mit einem zufriedenen Lächeln steht Kirsha Barth neben der Schlange. "Das, was er da macht, erzeugt Gänsehaut-Feeling für jeden Deutschlehrer", sagt Barth, die am Gymnasium die Fächer Deutsch und Englisch unterrichtet. Zusammen mit Claudia Pfrang vom Katholischen Kreisbildungswerk Ebersberg hat die Lehrerin den Abend organisiert. Pfrang hat den Lars Ruppel bereits im vergangenen Jahr schon einmal für ein Schulprojekt in den Landkreis geholt, sie pflichtet Barth bei: "Er hat die Gabe, die Jugendlichen so zu begeistern, dass sie den Mut haben, sich da vorne hinzustellen". Bereits im April wird Ruppel wieder nach Grafing kommen, um mit Schülern zu arbeiten.

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