Grafing:Erinnerung an Max Mannheimer

Grafing: Die jungen Leute haben in ihrer Freizeit die Ausstellung konzipiert und zusammengestellt. Noch bis zum Ende des Schuljahrs ist sie zu sehen.

Die jungen Leute haben in ihrer Freizeit die Ausstellung konzipiert und zusammengestellt. Noch bis zum Ende des Schuljahrs ist sie zu sehen.

(Foto: Christian Endt)

Schüler des Gymnasiums Grafing ehren den Holocaust-Zeitzeugen, den sie noch persönlich kennengelernt haben, mit einer Ausstellung

Von Marc Dimitriu, Grafing

Max Mannheimer hat den Holocaust überlebt und kämpfte sein Leben lang wie kaum ein anderer gegen das Vergessen. Er wuchs in einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie in Neutitschein in Nordmähren auf. 1942 wurden er und seine Familie von den Nationalsozialisten verhaftet. Er überlebte - und das, obwohl er in den Konzentrationslagern von Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau und den Außenlagern Karlsfeld und Mühldorf jahrelang gequält, gefoltert und erniedrigt wurde. Seine Eltern, Geschwistern und seine erste Frau Eva Bock wurden ermordet. Nur sein Bruder Edgar überlebte. Trotz all dem Leid, das ihm widerfahren war, und obwohl er sich geschworen hatte, nie wieder das Land seiner Peiniger zu betreten, verbrachte er sein restliches Leben in München. Seine zweite Frau bewegte ihn zu bleiben.

Mannheimer war nie vom Hass erfüllt, er setzte sich lieber für Demokratie und gegen Rechtsextremismus ein und hielt seit 1986 Vorträge, häufig an Schulen, um gegen das Vergessen zu kämpfen. So besuchter er auch seit 30 Jahren regelmäßig das Gymnasium in Grafing, um mit den neunten Klassen über sein Leben zu sprechen. Mannheimer starb am 23. September 2016. Somit war die jetzige zehnte Jahrgangsstufe die letzte, die ihn erlebt hat. Um den jüngeren Schülern die Möglichkeit zu geben, sich mit ihm und seiner Geschichte auseinanderzusetzen, schuf die 10c aus eigenem Antrieb und in ihrer Freizeit die Ausstellung, die noch bis zum Ende des Schuljahres zu besichtigen ist. In seiner Begrüßungsrede bei der Eröffnung am Mittwoch sprach Schulleiter Paul Schötz voller Stolz über seine Schüler: "Es ist mir eine große Ehre, diese Ausstellung zu eröffnen. Die Schüler haben mit einer unglaublichen Akribie an diesem Projekt gearbeitet. Alles kam von ihnen selbst, von der Idee bis zur Ausführung. Sogar die Wände in diesem Raum haben sie neu gestrichen. Trotz der Freude über diese Ausstellung ist es ein nachdenklicher Tag, und die Trauer über Mannheimers Tod schwingt mit. Immer, wenn er die Wahl hatte, entweder zu einer Ehrung zu gehen oder vor Schülern zu sprechen, entschied er sich für die Schüler."

Die Klasse hat eine schöne Ausstellung geschaffen. Im Gang vor dem Zimmer hängen kleine Zettel mit Zitaten von Mannheimer, wie: "Ich komme als Zeuge jener Zeit an die Schulen, nicht als Richter oder Ankläger." Oder: "Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht." Im Raum haben die Schüler Stellwände aufgestellt und darauf Plakate aufgehängt, auf denen übersichtlich über die einzelnen Stationen von Mannheimers Leben berichtet wird, geschmückt mit Fotos und Zitaten. In der Mitte des Raumes steht eine Art Pult, auf dem zwei Bücher des Holocaust-Überlebenden und Karten aufgestellt sind, die die Punkte seines Lebens markieren. Auch ein Originalgemälde von Max Mannheimer, der auch Künstler war, hängt in der Ausstellung. Es ist eine Leihgabe seines Sohnes.

Man merkt allen Beteiligten, Schülern wie Lehrern, an, wie sehr sie von ihm berührt wurden und mit welcher Begeisterung sie über ihn sprechen. Sie nennen Mannheimer beim Vornamen, auch das zeigt ihre starke Verbindung zu ihm. Steffi Thurnhuber sprach in ihrer Rede, stellvertretend für die ganze Klasse, über ihre Beweggründe: "Max lag es nie daran, Mitleid zu erzeugen. Er vermittelte uns Botschaften, wie die, dass man niemals aufgeben sollte und die Hoffnung und den Glauben in das Gute beibehalten soll."

Man wolle zeigen, dass Mannheimer bei seinem Besuch bei jedem einzelnen "enormen Eindruck" hinterlassen habe. "Manche waren schockiert, andere erstaunt darüber, was ein Mensch überhaupt alles ertragen kann. Er und die anderen Opfer sollen nicht vergessen werden. Viele Schüler haben nicht mehr die Möglichkeit, ihn persönlich kennenzulernen, deswegen wollen wir euch mit dieser Ausstellung die Chance geben, etwas über ihn zu erfahren. Es ist nicht nur eine Ausstellung über ihn, sonder auch für ihn, weil wir ihn ehren möchten."

© SZ vom 29.06.2017
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