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Gegen Hörgewohnheiten:Große Werke in Grafing

Stellt Hörgewohnheiten auf den Kopf: Das "Münchner Holzbläserquintett" um den Grafinger Hornisten Michael Gredler.

(Foto: Christian Endt)

Das "Münchner Holzbläserquintett" begeistert beim Rathauskonzert mit Mozart, Ravel und Dvořák

Erstaunlich genug, dass die Literatur für reines Holzbläserquintett gar nicht so üppig ist, wie man vermuten sollte. Weder in der Klassik, noch in der Romantik haben die renommierten Komponisten kaum für diese Besetzung geschrieben. Was sich allerdings relativ früh entwickelte, waren die so genannten Harmoniemusiken, Bearbeitungen großer Werke für reine Bläserbesetzung zum Zwecke von Freiluftkonzerten oder Tafelmusiken. Das beim Grafinger Rathauskonzert geladene Münchner Holzbläserquintett (Serena Aimo, Querflöte, Hideki Machida, Oboe, Tadija Minčić, Fagott, Michael Gredler, Horn und Cornelia Göbel, Klarinette) spielte zwar keine klassische Harmoniemusik zu Beginn, doch das Arrangement von Mozarts "Zauberflöten"-Ouvertüre erinnerte ein wenig daran. Eines war dabei klar: Ohne Streicher und derart klein besetzt, klingt das Stück einfach anders, als man es im Ohr hat. Und doch war's ein gelungener Auftakt im ausverkauften Rathaussaal.

Arrangements waren den ganzen Abend über zu hören. Vor der Pause widmeten sich die Musiker Maurice Ravel, nach der Pause Antonín Dvořák. Man blieb bei berühmten Kompositionen, der "Pavane pour une infante défunte" und "Le Tombeau de Couperin" von Ravel, sowie einem "Slavischen Tanz" von Dvořák und seinem legendären Streichquartett op. 96, dem "Amerikanischen". Während der Impressionist Ravel mit Farben spielt, sie verschwimmen lässt, das Klangbild, die Darstellung eines Augenblicks in den Fokus rückt, ist der Einfluss der böhmischen Volksmusik bei Dvořák unüberhörbar. Nur 34 Jahre später als Dvořák ist Ravel geboren, und doch haben die beiden gänzlich andere tonale Ansätze. Einem Bläserquintett kommt das Musikantisch-Volkstümliche natürlich entgegen, denn schon die Klangfarben einer Klarinette oder eines Horns findet man auch in der Volksmusik. Gerade bei Dvořáks Tanz op. 72, Nr. 9 war dies in Grafing unüberhörbar. Wie die Klarinettistin erklärte, orientierte sich Dvořák bei seinen Slawischen Stücken an den ungarischen Tänzen seines Freundes Johannes Brahms. Natürlich, das ließ sich seinerzeit gut verlegen. Fetzig und durchaus voller typischer slawischer Spitzbübigkeit musizierten die Münchner.

1892 trat Dvořák die Stelle als Direktor des National Conservatory of Music in New York an. Dort beschäftigte er sich auch mit der amerikanischen Kultur, was sich in seinen Kompositionen ebenfalls widerspiegelt. So zieht beispielsweise die Pentatonik in sein zwölftes Streichquartett. Dieses nun nicht im Original, sondern in einem Arrangement für fünf Bläser (vom Hornisten des Quintetts bearbeitet) zu hören, war erstaunlich. Denn, anders als bei Mozart oder auch den Werken Ravels, klang das doch recht nah am Original, obwohl hier fünf und nicht vier Musiker am Werk waren. Auch wenn das legendäre Bratschensolo zu Beginn vom Fagott übernommen wurde, seine Hörgewohnheit musste man erstaunlicherweise wenig umstellen.

Ganz anders war das bei den beiden Kompositionen des Franzosen. Dort nämlich fehlte ob der geläufigen Weite des Orchesterklangs einfach Stoff, obwohl sowohl "Pavane pour une infante défunte" als auch "Le Tombeau de Couperin" zunächst reine Klavierkompositionen sind, die ihr Schöpfer erst Jahre später instrumentalisiert hat. Doch die gängige Hörgewohnheit liegt wohl bei den Orchesterfassungen. Dennoch erwies sich auch hier, dass die fünf Bläser mit ihren Instrumenten malen können, ganz so wie die impressionistischen Künstler mit ihren Farben auf Leinwand. Ließ man sich auf diese Fassung ein, so war sie überzeugend. Man könnte darüber streiten, ob ein wenig mehr musikalischer Bogen das Ganze noch runder gemacht hätte, doch man sah auch so die kleine Prinzessin tanzen. Auch wenn die französische Überschrift wörtlich übersetzt "Pavane für ein verstorbenes Kind" heißt, so hat der Komponist hier "keine Trauerklage für ein totes Kind" gemeint, "sondern eine Vorstellung von einer Pavane, wie sie vielleicht von so einer kleinen Prinzessin in einem Gemälde von Velázquez getanzt wurde". Und ein ebensolches Gemälde zauberten die Fünf.

Ausgezeichnet auch ihre Interpretation des dem Barockkomponisten François Couperin gewidmeten Werks "Le Tombeau de Couperin". Nachdenklich machte nur, dass Ravel die Sätze dieser von 1914 bis 1917 komponierten Suite je einem im Ersten Weltkrieg gefallenen Freund gewidmet hat.

© SZ vom 28.01.2020
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