GAU in Ohu? "Dann geht es drunter und drüber"

Für den Fall eines Unglücks im Atomkraftwerk Isar 2 gibt es keine Evakuierungspläne für den Landkreis.

Von Thorsten Rienth

Der Vortrag war schon fast zu Ende, da bekam Andreas Münnich bestätigt, was er schon immer befürchtet hatte: Wenn es im Atomkraftwerk Isar 2 bei Landshut zum Super-GAU kommen sollte und eine radioaktive Wolke gen Süden zöge, dann gibt es "hier im Landkreis keinen konkreten Plan, wie wir in so einem Fall evakuieren würden." Der Mann, der das so nüchtern sagte, muss es wissen: Bernhard Novotny ist Katastrophenschutzexperte des Roten Kreuzes und gehört zu den Führungskräften, die im Falle des Falles im Landkreis Ebersberg Entscheidungen der Behörden umsetzen.

Mit der Auskunft war indes Münnich, auch wenn er sie erwartet hatte, nicht zufrieden. "Das kann' s doch wohl nicht sein", sagte der Sprecher des Ebersberger Bündnisses für den Atomausstieg, der Novotny am Freitag in den Grafinger "Heckerbräu" eingeladen hatte. "Doch, kann es", antwortete der Katastrophenschutzexperte. "Und das macht auch Sinn." Erstens sei es unmöglich, für jedes denkbare Atomunfallszenario einen maßgeschneiderten Plan zu hinterlegen. Und zweitens werde es bei einem Super-GAU "wahrscheinlich so drunter und drüber gehen", dass ein Plan ohnehin nicht mehr so einfach umzusetzen wäre. Denn der nördliche Teil des Landkreises liegt innerhalb der 60-Kilometer-Zone um das Atomkraftwerk, der südliche Teil knapp außerhalb. Die "durchaus realistische" Evakuierungsgrenze verläuft laut Novotny etwa von Vaterstetten über den Südrand des Ebersberger Forsts bei Ebersberg bis nach Steinhöring.

Das bedeutet: Die Gemeinden nördlich dieser Linie müssten evakuiert werden, die südlichen die Flüchtlinge aufnehmen. Es gehe ihm "um eine realistische Sicht auf die Dinge", betonte der Referent angesichts zahlreicher Nachfragen mehrmals. "Aber nur weil es keinen konkreten Evakuierungsplan gibt, herrscht doch keine Planlosigkeit! Wir haben Ressourcenpläne, aus denen wir uns bedienen können." Mit "wir" meint Novotny das Landratsamt. Von dort aus würden zunächst sämtliche Rettungs- und Evakuierungseinsätze koordiniert. "Diese Ressourcenpläne sind praktisch große Ordner, in denen steht, wo welche Tankstelle ist, wo wir welches Busunternehmen erreichen, wer den Generalschlüssel für diese oder jene Turnhalle hat, in denen Evakuierte untergebracht werden könnten - oder wo ein großer Discounter sein Lebensmittellager hat." Die Pläne dienten den Einsatzkräften, "um eine Evakuierung flexibel zusammenzustellen".

Parallel dazu würde man deutschland- und europaweit, wenn nicht gar weltweit Hilfe anfordern. Rettungspersonal, Spezialisten des Technischen Hilfswerks oder auch mobile Krankenhäuser würden im Ernstfall in den Landkreis verlegt. Ob es überhaupt möglich sei, die 1,7 Millionen Menschen aus der 60-Kilometer-Zone zu evakuieren, wollte ein Zuhörer wissen? "10.000, das ist machbar. Bei 100.000 müssen wir halt öfters fahren. Aber 1,7 Millionen?" Novotny schüttelte den Kopf.