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Filmfreunde Ebersberg:Jenseits der Gegenwart

Die "Videonale" im Alten Kino entführt in andere Welten

Ein Ansturm, wie es ihn noch selten zuvor in der Geschichte der Filmfreunde Ebersberg gegeben hat. Am Freitagabend strömen die Gäste nur so zur Jahresvorstellung der besten Kurzfilme in das alte Kino. Als wirklich keine Stühle mehr zusätzlich aufgestellt werden können, eröffnet Toni Ackstaller, Vorsitzender der Filmfreunde Ebersberg, den Abend. Es wird ein kurzweiliger werden.

Das Filmprogramm ist ein bunt gemischtes mit unterschiedlichen Stilen, und doch haben die acht gezeigten Werke alle etwas gemeinsam: Sie entführen in andere Welten. In reale und weniger reale.

So zum Beispiel das Werk von Erwin Kesel. Er kündigt seine Arbeit als einen stark verfremdeten Film an. Der Titel "Whirlpool" ist hier auch tatsächlich Programm, bunte Effekte verwirbeln die Wirklichkeit zu einem Farbenwirrwarr, und das Bild verändert sich im Rhythmus passender Musik. Aus einem Hund werden Orchideen, und bald weiß man fast nicht mehr, wie der Film begonnen hat. "Die Traumwandlerin" von der Filmgruppe des Franz-Marc-Gymnasiums in Markt Schwaben unter der Leitung von Peter Rohmfeld lässt das Publikum ähnlich rätseln: Was von dem Gesehenen ist nun wirklich passiert? Und wer ist der geheimnisvolle junge Mann, der immer an der Seite des Mädchens ist? Das Drehbuch hatte den schulinternen Drehbuchwettbewerb gewonnen und auch die Umsetzung beeindruckt die Zuschauer. Außerdem zeugt die gute schauspielerische Leistung von großem Engagement für das Filmprojekt auf Seiten der Schülerinnen und Schüler.

Leichter verständlich ist nun ein Reisebericht von Hardy Wolfermann. Barcelona im warmen Spanien und Bergen im kalten Norwegen könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch ist der Film "Reisebüro Helios Phantasia" stimmig und macht Lust auf einen Kurztrip in eine der beiden europäischen Städte. Wolfermann schenkt seinem Werk über die Architektur Antonio Gaudís und den schneebedeckten Pfaden in ländlichen Gebieten mit seiner fesselnden Stimme den letzten Schliff. Sichtlich Fernweh erweckt auch der Film "Urlaub im Paradies" von Mathias Amstadt. Eindrucksvolle Unterwasseraufnahmen und Naturimpressionen von den Malediven lassen die Zuschauer den Alltag für 13 Minuten vergessen. Flughunde und Haie schwimmen abwechselnd durchs Bild, Amstadt zeigt die Inseln im indischen Ozean in ihrem besten Licht. Wie sich die Stimmung eines Films durch den Wechsel von Musik ändern kann, wird hier unter Beweis gestellt. Allerdings macht er auch deutlich, dass selbst im Paradies nicht immer alles makellos ist: Eine Szene zeigt anscheinend unbedenkliche Maßnahmen gegen Insektenplagen, die die anwesenden Ebersberger erschüttern.

Filmemacher Wolfang Spring erinnert daran, dass man nicht unbedingt in ferne Länder reisen muss, um Entspannung zu erfahren. Mit seinem preisgekrönten Film "Kendlmühlfilze" wird dem Publikum vor Augen geführt, welch einzigartige Naturschauspiele direkt vor der Haustür warten und wie wichtig es ist, sie deshalb zu schützen. Das Hochmoor im Chiemgau bietet Flora und Fauna ein Zuhause, und so kann man neben verschiedensten Vogelarten auch zum Beispiel den fleischfressenden Sonnentau dort finden. Obwohl dieser Film aus dem Jahr 2002 nicht mehr der aktuellste in Bezug auf Format und Technik ist, bleibt der Aspekt Umweltschutz nach wie vor brisant. Ein Blick in die Runde zeigt: Die Geschichte des Torfabbaus, der die Umwelt massiv negativ beeinträchtigte, schockt die anwesenden Gäste nachhaltig. Auch das Alpeniglu Dorf in den Kitzbüheler Alpen ist nur ein paar Stunden entfernt von Ebersberg. Der Beitrag"Schnee, Eis und Feuer" von Erwin Demel entführt in eine Märchenwelt aus gefrorenem Wasser und macht Lust auf Winterabenteuer inmitten zauberhafter Eisskulpturen. Fetzige Melodien mit Feuerwerkskörpern vermitteln den Eindruck, man wäre wirklich vor Ort gewesen bei der großen Party auf über 1800 Höhenmeter.

Von falschen Bananen hört ein Großteil des Publikums an diesem Abend zum ersten Mal. Mit dem Kurzfilm "Falsche Banane und echter Kaffee" geht es auf die Suche nach dem Kaffee Arabica nach Äthiopien. Toni Ackstaller findet ihn in der Region Sidamu und ungewöhnliche Pflanzen mit dazu. Seine interessanten Begegnungen mit nachhaltig agierenden Dorfbewohnern teilt er in Form von bewegenden Nahaufnahmen. Was die Ebersberger an diesem Abend unter anderem lernen: Kaffee trinkt man im Herkunftsland der aromatischen Bohne traditionell mit Salz. Preisgekrönt ist auch der Kurzfilm von Ilke Ackstaller. 20 Minuten fremde Kulturen und unglaubliche Bergpanoramen des Himalaja gibt es zu sehen in ihrem Film "Unterwegs im Changthang", der dieses Jahr die Silbermedaille beim Bund deutscher Film-Autoren gewann. Statische Momentaufnahmen von gewaltigen Berggipfeln in Erdtönen und tiefblauen Seen, in Kombination mit poetischer Musik, fesseln die Zuschauer sichtlich. Auch die gezeigten Aufnahmen aus dem Leben der Einheimischen hinterlassen bleibenden Eindruck. Das Zurückkommen fällt fast schon ein bisschen schwer. Aber das ist es ja, was Filme bewirken wollen. Die Videonale Ebersberg zeigt: Für einen guten Film muss man kein Profi sein.