"Eine andere Utopie: Arkadien" Das Wetteifern der Juroren

Juroren für Arkadien: Axel Tangerding, Peter Kees, Tine Neumann, Rolf Külz-Mackenzie und Klaus Prätor (v.l.)

(Foto: Christian Endt)

Ein Philosoph, ein Theatermacher und ein Kulturplaner skizzieren wortgewaltig die Bedeutung von Arkadien

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Philosophen haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich ein paar tausend Jahre lang über etwas Gedanken machen können, wofür es keine sofortige Entscheidung braucht. Wer sich mit Klaus Prätor unterhält, Informatiker und Philosoph, der spürt schon nach ein paar Sätzen, wie anregend dieser es empfindet, sich in zwei Welten bewegen zu dürfen. Jener, in der es entweder die "0" oder die "1" gibt, um alle Zustände zu beschreiben - und in jener, die danach sucht, ob sich nicht vielleicht doch noch etwas dazwischen befindet, was sich dieser Eindeutigkeit entzieht. Dieses geistige Lustwandeln prägte auch den Weg seiner Gedanken, mit denen er am Samstagnachmittag die Vorträge der Juroren zur Jahresausstellung des Kunstvereins Ebersberg eröffnete.

"Die andere Utopie: Arkadien!" war sein Thema; eine ebenso geschickte, wie Unruhe stiftende Auswahl arkadischer Ideen und Vorstellungen aus der langen Geschichte des Themas, mit der er seine Zuhörer ins Grübeln brachte. Philosoph eben.

Solche Vorträge oder Lesungen sind überaus hilfreich und erhellend. Helfen sie doch, Ursachen und Zusammenhänge zu erkennen, weil sie nicht auf Hörensagen und schwachen Erinnerungen an längst verblichene Schulstunden beruhen. Bringen sie doch Licht ins Dunkel der Vermutung und lüften den Schleier vor mangelndem Durchblick, warum ein Thema wie Arkadien überhaupt von Relevanz für unser heutiges Dasein wäre. Besonders einleuchtend dabei war die eine Ableitung Prätors aus der Zeitleiste der Vordenker, Theoretiker und Philosophen, pointiert vorgetragen von Hörfunksprecher Andreas Neumann: Utopie hat mit Fortschrittswillen zu tun, Arkadien ist vom beschaulichen Konservatismus geprägt. Hier "0", da "1", so haben wir das gern. Wäre da nicht eine zweite Ableitung, die vor allem auf den Gedanken von Gustav Landauer aufbaut, einem Schriftsteller, Mystiker und Mitglied der Münchner Räterepublik, 1919 ermordet. Der beschrieb einen fortlaufenden Wandel von der Topie, dem stabilen Wohlgefühl in geregelten Umständen, in die Utopie, die Vorstellung also, wie's noch besser sein könnte, bis auch die Wirklichkeit, also Topie wird, um dann wieder neue Utopien zu erzeugen. Wir kennen das aus dem wirklichen Leben. Wo aber bleibt dort Arkadien? Vermutlich als Fototapete an der Wand oder als Selfie auf dem Handy.

Es ist absehbar, dass eine solche Dynamik nicht ohne Reibungsverluste verläuft, mitunter auch Konflikte und Auseinandersetzungen hervorruft. Welche zerstörerische Kraft ihnen innewohnt, machte in seinem Vortrag Axel Tangerding deutlich, der das utopische Prinzip aus Sicht von Architekten betrachtete. Dabei war sein Hinweis auf die umwälzenden Folgen einer "Glaskultur" zunächst Kino für den Kopf, wie sie einst der Schriftsteller Paul Scheerbart ersann: Alle Bauten, alle Wände absolut transparent, keine Bilder an der Wand, kein Krimskrams im Regal. Die Menschheit würde eine radikal andere. Weshalb die Idee scheiterte. Dass aber holländische Ingenieure, denen es mit technischem Geschick gelungen war, dem Meer Land abzuringen und neue Siedlungsräume gegen Fluten zu schützen, dieses Prinzip guten Willens nach Bangladesch trugen, das ähnlich vom ungebändigten Wasser geplagt war. Dass sie dabei irrtümlich die Kräfte des Ganges mit denen des Rheins verglichen und ihre Deiche zur Abflusssperre für Schlamm und Geröll wurden, über die dann Fluten umso gewaltsamer flossen: Damit hat die Utopie der einen nicht nur die Topie der anderen zerstört, sondern auch ein Arkadien ins Undenkbare weggespült. Mit der bevorstehenden Zerstörung Bangladeschs durch den Klimawandel, so zeigten Tangerdings Texte, wird sich das Ereignis in absehbarer Zeit wiederholen.

Einen reißenden Fluss an Wissen entfesselte der dritte Juror, der in der Galerie Alte Brennerei das Wort hatte: Rolf Külz-Mackenzie skizzierte aus historischer Sicht wortgewaltig die Bedeutung von "Kunst als Freiraum, Experimentierfeld und Labor für die Entwicklung zukunftsfähiger Ideen und Konzepte". Die freundliche Geste der Veranstalter, das Skript der Rede zum Nachlesen kostenlos zur Verfügung zu stellen, ist nicht hoch genug wertzuschätzen: Wo einem so viel Klugheit und Analyse geboten wird, wäre sofortiges Verstehen die reine Utopie. Die gedruckten Seiten dagegen sind das arkadische Versprechen, sich das Gesagte dauerhaft aneignen zu dürfen.