Ebersberger Krippenweg Ein dunkler Geselle in der Heiligen Nacht

Wer genau hinschaut, kann auf dem Ebersberger Krippenweg erstaunliche Entdeckungen machen

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Die Fahnen auf dem Platz vor dem Landratsamt wehen auf Halbmast, im Fenster der Behörde steht ein Modell des Brandenburger Tors. Schmerzliche Erinnerung an den entsetzlichen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche? Vor dem symbolträchtigen Bauwerk sind Josef, Maria, das Kindl sowie Ochs und Esel versammelt. Auf dem Tor steht auch nicht die Quadriga, sondern der Verkündigungsengel, durch die Torbögen treten zwei Figuren, es heißt, es sind Leute aus dem Erzgebirge mit Kraxen auf dem Buckel, an der Seite hat eine Bergmannskapelle in typischer Tracht Aufstellung genommen. Die Krippe wurde vom Münchner Krippenverein nach der Wende 1989 als Symbol der Völkerverständigung gebaut, auch ein paar Brocken "Mauer" enthält sie. Nun weckt sie andere, aktuellere und schreckliche Erinnerungen.

Zum Ebersberger Krippenweg gehören in diesem Jahr neben Maria, Josef, Jesus, Ochs, Esel, den Hirten und Engeln samt allerlei Tieren auch Figuren, die man in einer Krippe nicht vermuten würde. Doch gemäß der Überzeugung von Franz Kisters, Sammler und Schöpfer des Krippenweges, hat jedes Wesen ein Anrecht auf einen Platz in der Krippe. Und so spielt im heiligen Theater nicht nur das feste Ensemble mit; es tauchen mitunter auch menschliche und tierische Darsteller auf, die sich offenbar in die Kulissen geschmuggelt haben, darunter schwarze Schafe, frühere Landräte, alttestamentarische Propheten, biblische Bösewichter, Bergleute, rosarote Ferkel und der schwedische "Tomte", ein Wichtel mit roter Zipfelmütze, dem man in der Heiligen Nacht Hafergrütze serviert.

58 Krippen sind im gesamten Stadtgebiet verteilt, kleine, große, winzige; bühnenwirksam oder schlicht gestaltete, alpenländische, orientalische, exotische, aus Böhmen, Italien und Peru. In den Szenen der Heiligen Nacht spiegeln sich Fantasie, Frömmigkeit und Humor sowie der Wunsch, bekannte Persönlichkeiten zu verewigen. Ställe und Figuren sind aus Holz, Papier, Gips, Ton, Wolle und Porzellan.

Herodes thtont bedrohlich mit seinem Schwert in der Ruinenkrippe

Foto: Christian Endt

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Dass man in der Krippe Volksfeste, Märkte mit Obstkörben, Wein und Schweinehälften, ein quirliges Straßenleben gar inszenierte, in dem die heilige Familie nur noch am Rande eine Rolle spielte, war zum Beispiel in den traditionellen Palastkrippen Neapels einst Tradition. Doch manch finstere Gestalt würde man lieber aus dem Umfeld des Heilands verbannen.

Da wäre als erster Herodes zu nennen, blutrünstiger Widersacher des neu geborenen Königs. Er thront, gewandet in königliches Blau, in der gegenüber der Stadtkrippe aufgestellten Ruinenkrippe, dem Nachbau eines sizilianischen Modells aus dem 18. Jahrhundert. Vor ihm auf dem Boden liegen zusammengekrümmt Babyfigürchen - die Kinder Bethlehems, die Herodes ermorden ließ, um sicherzugehen, dass auch Jesus unter den Getöteten sein würde. Das Schwert hat er noch in der Hand, die heilige Familie scheint er zu ignorieren, dennoch ist auch er Teil der Weihnachtsgeschichte.

Eine pechschwarze, gehörnte Gestalt kauert auf der Stadtmauer

Überraschend auch die Anwesenheit des übelsten aller Bösewichte, des Teufels. Dieser, eine pechschwarze gehörnte Gestalt mit roter Zunge, kauert in der großen Stadtkrippe von Franz Kisters auf der Stadtmauer und lauert auf Opfer; vielleicht denkt er aber auch über einen Seitenwechsel hin zu den Guten nach; weiß man's?

Man muss schon genau hinschauen, um den Leibhaftigen zu sehen, der sich im Hintergrund hält, aber es ist ja bekannt, dass er sich zu tarnen weiß. Dem kleinen Jesus wird er schon nichts anhaben, denkt man sich. Schließlich sind die himmlischen Heerscharen ganz in der Nähe. Die stehen Spalier vor einer dick eingemummelten Gestalt mit Fellkapuze, die ebenfalls in einer Krippe eher selten anzutreffen und für den Anlass in jedem Fall unpassend angezogen ist: die Eskimofigur. "Die hat mal ein Besucher dem Franz geschenkt", berichtet Stadtführer Thomas Warg. Und warum sollten Eskimos - man nennt sie eigentlich Inuit - nicht zur Krippe kommen?

Franz Kisters, der diese prachtvolle Stadtkrippe gebaut hat, hat sich darin auch selber verewigt - an der Hand seiner Schwester steht er auf einer Sprossenleiter, die zum Heuboden führt. Er trägt einen schwarzen Hut, hat ein Bündel in der Hand, die Schwester, die "immer auf ihn acht gegeben hat", wie Warg erzählt, trägt ein Trachtenkleid mit rotem Mieder.

Was macht bloß ein Politiker in der Krippe?

Zum Glück befinden sich beide Geschwister außerhalb der Sichtweite des Teufels. Zu ihren Füßen grasen Schafe, viele weiße - und ein schwarzes, das ebenso harmlos wirkt wie die in der "Wollkrippe", in der alle Figuren aus Strick sind - von den Hühnchen im Korb bis zu den rosa Schweinchen.

Verblüffende Ähnlichkeit mit dem früheren Landrat Remigius Streibl (1910 bis 2000) hat der Josef in der Krippe mit Tonfiguren von Anni Schierl im Schaufenster einer Versicherung auf dem Marktplatz. Streibl war der Sohn eines Konditors. 1952 wurde der parteilose Streibl zum Landrat gewählt. 1958 erhielt er bei seiner Wiederwahl 97, 1964 sogar 99 Prozent der Stimmen. Wer Streibl noch kannte, oder zumindest Fotos von ihm, erkennt im Antlitz des Josef den Politiker sofort wieder.

Eine andere Tradition dokumentieren die ebenfalls in der Krippenausstellung in der Schlossbrauerei Otter (alter Schleckermarkt) aufgebauten Exponate aus Peru, wo man die Geburt Jesu und die Kreuzigung in einer einzigen Darstellung zusammenfasst. Doch sein künftiges grausames Schicksal ficht das Jesulein aus den Anden nicht an. Mollig wie ein kleiner Buddha liegt es in seiner Traufe auf dem Bauch und erinnert an ein fröhlich krähendes Neugeborenes. Von heilig keine Spur.