bedeckt München 14°
vgwortpixel

Ebersberger Jobcenter:Hilfe für die Abgehängten

Seit einigen Monaten will die Jugendberufsagentur junge Leute unterstützen, die eigentlich schon aus dem System gefallen sind. Einfach ist diese Aufgabe nicht

Sie sind obdachlos oder wohnen bei Freunden von Freunden. Schule oder Ausbildung haben sie längst abgebrochen, mit ihren Eltern sind sie oft zerstritten. Sie schlagen sich irgendwie durch, leihen sich Geld, betteln oder sammeln Flaschen. Unterstützung vom Staat beziehen sie nicht. Wer solche Jugendliche erreichen und ihnen Hilfe anbieten will, der muss sehr vorsichtig sein, soviel haben die Fachleute vom Ebersberger Jobcenter schnell gelernt. "Sonst tauchen die jungen Leute gleich wieder unter", sagt dessen Chef Hermann Schmidbartl. Seit Anfang des Jahres gibt es im Jobcenter die Jugendberufsagentur, sie soll ein "Auffangbecken für diejenigen sein, die sonst komplett durchs Netz fallen", wie Schmidbartl es ausdrückt. Bisher werden acht Jugendliche von der neuen Einrichtung betreut.

Jugendberufsagenturen gibt es deutschlandweit bereits seit mehreren Jahren, Ebersberg ist einer der letzten Landkreise in Bayern, in der diese Einrichtung Anfang des Jahres eingeführt wurde. Es handelt sich um eine Zusammenarbeit des Jobcenters, der Agentur für Arbeit und des Jugendamts mit Partnern wie dem Schulamt, dem Zentralen Sozialdienst, dem Verein "Brücke" und auch Mentoren und Familienpaten. Weil es Jugendlichen, die ganz normal ihren Schulabschluss machen, im Boom-Landkreis Ebersberg in der Regel nicht schwer fällt, eine Lehrstelle oder einen Job zu finden, hat sich das Expertenteam entschieden, sich in der Jugendberufsagentur auf die komplizierteren Fälle zu konzentrieren - also junge Menschen, die gar nicht erst den Weg zur Arbeitsagentur oder zum Jobcenter finden, wie Schmidbartl erläutert.

Die erste Schwierigkeit ist dabei schon, an die jungen Leute überhaupt heranzukommen. Bisweilen gelingt es, über die Netzwerkpartner Kontakt zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufzunehmen. Hoffnung setzt Schmidbartl aber auf die neuen Sozialzentren, die als Außenstellen des Landratsamts an fünf Orten im Landkreis entstehen sollen. Dadurch würden auch die Kontakte mit den betreffenden Gemeindeverwaltungen intensiviert, was helfen könnte, eher auf Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf aufmerksam zu werden. "Aber wir werden uns auch mit einem Streetworker besser aufstellen müssen", sagt der Leiter des Jobcenters. Bisher hat die Jugendberufsagentur kein eigenes Personal, sieht man von einer 0,2-Stelle für die Verwaltung ab. Die Betreuung der jungen Leute übernehmen Teams, die aus den verschiedenen kooperierenden Einrichtungen rekrutiert werden.

Eine große Herausforderung für alle Beteiligten ist dabei allerdings die Scheu und Skepsis dieser Jugendlichen, Hilfe von Behörden überhaupt anzunehmen. "Die Berührungsängste sind überdurchschnittlich groß. Wir müssen erst lernen, wie wir sie für unsere Belange aufschließen können", erläutert der Chef des Jobcenters. Und selbst dann, wenn die jungen Leute den Weg in die Behörde finden und an einem ersten Gespräch mit den Fachleuten teilnehmen, die ihnen helfen wollen, heißt das noch lange nicht, dass sie deren Angebote auch annehmen. "Man muss sehr vorsichtig sein", sagt Schmidbartl, es gehe darum, erst einmal ins Gespräch zu kommen und mögliche Perspektiven aufzuzeigen. "Passiv-wertschätzend" sei dabei die Herangehensweise der Fachleute. Denn Hebel irgendwelcher Art - etwa finanzielle Sanktionen - hat das Jobcenter ja nicht, weil die Jugendlichen in der Regel gar keine Leistungen beziehen.

Von den acht jungen Leuten, die derzeit von der Jugendberufsagentur betreut werden, ist noch keiner so weit, dass er in eine Qualifizierungsmaßnahme oder ein Praktikum gehen könnte. Auch das habe man in den ersten Monaten gelernt, sagt Schmidbartl: dass man bei dieser Aufgabe große Geduld beweisen müsse. Doch wenn es dann zum nächsten Schritt geht und die Jugendlichen sich bereit erklären, beispielsweise ein Praktikum zu machen, gäbe es genügend Kooperationspartner im Landkreis. Viele Firmen seien bereit, es auch mit Jugendlichen mit schwierigem Hintergrund zu versuchen, "das wäre überhaupt kein Problem", sagt der Leiter des Jobcenters.

© SZ vom 16.08.2019
Zur SZ-Startseite