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Ebersberg:Selbstbewusst und erhaben

Der Chor St. Sebastian, ein Bläser- und Streicherensemble sowie acht Solisten boten eine beeindruckende Leistung.

(Foto: Endt)

Geistliches Psalmkonzert in der Stadtpfarrkirche Ebersberg zeigt auch musikgeschichtliche Entwicklungen

Man könnte meinen, ein Kirchenkonzert mit neun Psalmvertonungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert sei eintönig. Gilt doch geistliche Musik der Spätrenaissance und des Frühbarocks für viele eher als schwere Kost. Doch an Abwechslungsreichtum hat es dem festlichen Psalmkonzert in der Stadtpfarrkirche Ebersberg am Samstagabend keinesfalls gefehlt. In gut 60 Minuten lieferten der Chor St. Sebastian, ein Bläser- und Streicherensemble sowie acht Solisten unter der Leitung von Markus Lugmayr ein kurzweiliges Programm der Alten Musik.

Lugmayr brachte abwechselnd die Vertonung eines Psalmtextes von Orlando di Lasso (1532-1594) und die von Heinrich Schütz (1585-1672) auf das Programm. Ein besonderer Einfall, denn durch das Aufeinandertreffen der beiden Komponisten wird der musikalische Wandel um 1600 ganz besonders deutlich hörbar.

Selbstbewusst und erhaben setzen die Solisten in Orlando di Lassos Psalm 6 ein und behaupten sich gegen das Bläserensemble - ein Wettstreit zwischen Gesang und Instrumentalgruppe. Unter den Stimmen herrscht absolute Gleichberechtigung in der Melodiegestaltung, ein typisches Merkmal der Kompositionen von Orlando di Lasso. Polyfon schichten sich die Stimmen übereinander, verweben sich zu einem breiten Klangteppich, ohne an Klarheit zu verlieren. Keine "überflüssige" Note, keine schnörkelhaften Verzierungen. Der lateinische Psalmentext wird vielmehr durch die Vielschichtigkeit der Satzkomposition unterstrichen.

Dann das Gegenstück von Heinrich Schütz: die deutsche Übersetzung desselben Psalmtextes - gesungen vom achtstimmigen Doppelchor und dem Jugendchor Cantores iuvenes Sti. Sebastiani. Pompös heben die Ebersberger Sängerinnen und Sänger den Psalmtext empor, der volle Klang zieht sich vom Altarraum bis ans Ende des Kirchenschiffs. Schütz verpasst den emotional aufgeladenen Texten eine melancholische Grundstimmung und lässt die Huldigungen an Gott durch ornamentale melodische Ausschmückungen und überzeichnete Artikulationen dramatisch wirken. Das Bläserensemble und die Continuogruppe Lassus-Sagittarius schlüpfen dabei in eine begleitende Rolle.

Der Konzertabend zeigt durch die Gegenüberstellung der beiden Komponisten den Übergang von der polyfonen Kompositionsform bei Orlando di Lasso hin zu textrhythmischen Phrasierungen bei Heinrich Schütz. Die emotionale Dramatik bei Schütz wird vom Ebersberger Chor und den Solisten in den Psalmen 120/121 gekonnt ausgestaltet. In melancholischem Moll beten die Sopranistin Katharina Peschl und Sabine Staudinger (Alt) den Herrn an, der Chor greift die flehende Melodie auf und steigert sie in die Lobpreisung des Schöpfers der Erde. ("Meine Hilfe kommt vom Herren, der Himmel und Erde gemacht hat.")

Das Bangen der Solisten wird vom Tutti beruhigt. "Der Herr ist dein Schatten ..." raunt es versetzt durch alle Stimmen, als wolle sich jeder durch die Imitation noch einmal der Existenz Gottes vergewissern. Und dann endlich der hoffnungsvolle Dur-Akkord am Ende des Psalms als Sinnbild für das ewige Dasein des Herrn.

Die Musik der beiden Komponisten vermag es, die Zuhörer "in eine ganz besondere Tiefe und Begeisterung religiöser Überzeugung mitzureißen", so Lugmayr. Der Chorleiter und Kirchenmusiker hat den Abend höchst engagiert gestaltet - zwei Chöre sowie die Instrumentalgruppen dirigiert und zugleich selbst als Tenor II stimmkräftig neben Carsten Müller (Tenor I) die Solistengruppe verstärkt. Ein Spagat, der sicherlich nicht einfach zu meistern ist. Besonders war der Konzertabend nicht nur wegen der programmatischen Spannung, sondern auch durch die immer wechselnden Konstellationen. Mal löste Lugmayr die Stimmgruppierungen der acht Solisten auf, im nächsten Stück ließ er die Sopran- und Bassstimmen durch Instrumente ersetzen. Dies eröffne einen Blick auf die Vielfalt der Aufführungsmöglichkeiten in der Spätrenaissance und dem Frühbarock, beschreibt Lugmayr.

Mit seinem Kirchenkonzert hat er den Ebersbergern nicht nur einen schönen Vokalabend beschert, sondern implizit an den Psalmvertonungen auch Musikgeschichte aufgezeigt.