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Ebersberg:Schönwettertag

Foto: Peter Hinz-Rosin

Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, spricht über den 3. Oktober und die Wiedervereinigung

Ausgerechnet in dieser schicksalhaften Zeit von Januar 1989 bis Dezember 1990, in die der Mauerfall genauso wie die offizielle Wiedervereinigung fiel, ausgerechnet in diesen Monaten war Eberhard Diepgen nicht Regierender Bürgermeister von Berlin. Die Früchte aller Entwicklungen, die der CDU-Politiker maßgeblich aus dem Inneren Zirkel der politisch Verantwortlichen mit verfolgt und bestimmt hat, durfte "der Mann mit dem roten Schal", wie Diepgen seinen Nachfolger Walter Momper (SPD) nennt, ernten. Verbittert hat das den 73-Jährigen nicht, so zumindest der Eindruck bei der Feierstunde zum "Tag der Begegnung, Tag der deutschen Einheit" des CSU-Kreisverbandes am Samstag auf der Ebersberger Alm.

Eigentlich wie immer und angesichts der prominenten Namen auf der Rednerliste aus den vergangenen 25 Jahren, seitdem es diese Veranstaltung gibt, auch nicht verwunderlich, war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor Diepgen hatten schon Joachim Gauck, Theodor zu Guttenberg, Theo Weigel, Wolfgang Schäuble oder Thomas De Maizière ihre Gedanken zur deutschen Einheit den Ebersbergern mitgeteilt. Nicht immer so deutlich allerdings, wie Diepgen dies als Politiker tat, der nicht mehr im Tagesgeschäft ist und sich deshalb weder an "political correctness" halten noch einen anschließenden "Shitstorm" fürchten müsse. Dazu gehörte auch, dem von CSU-Kreisvorsitzendem und Landtagsabgeordneten Thomas Huber demonstrierten bayerischen Selbstbewusstsein einen Dämpfer zu verpassen. So hätten nach dem Mauerfall über drei Millionen Fachkräfte aus den neuen Bundesländern "weggemacht". Davon habe vor allem der Südwesten profitiert. Das dürften die Bayern seiner Ansicht nach ruhig einmal zur Kenntnis nehmen "und in die leidenschaftliche Debatte um den Länderfinanzausgleich mit einbeziehen".

Bei den aktuellen Flüchtlingszahlen hält es Diepgen mit der Bundeskanzlerin. "Das kann man schaffen", sagte der Berliner, aber nur, "wenn wir selbstbewusst, autoritär und hart sind." Flüchtlinge müssten vergessen, was sie zu Hause über richtig und falsch gelernt haben, sie müssen akzeptieren, dass Männer und Frauen gleich sind, und dass die Lebensweise der Deutschen nicht verhandelbar ist. Die erneut angestoßene Debatte um die Leitkultur hält Diepgen für notwendig, um Toleranz nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln.

Zu einer Wertegemeinschaft, wie sich der früherer Spitzenpolitiker sein Land wünscht, gehöre allerdings auch die Gleichbehandlung, die selbst nach einem Vierteljahrhundert Einheit noch nicht - etwa bei Löhnen und den Renten - verwirklicht wurde. "Nach 25 Jahren sollte man hier endlich zum Abschluss kommen", forderte er die Bundesregierung auf.

Doch was wäre ein solcher Feiertag, wenn die nach Ebersberg eingeladenen Ehrengäste nicht auch ein wenig aus dem politischen Nähkästchen der historischen Geschehnisse in Berlin und Bonn plaudern würden. Unfassbar für Diepgen, dass die DDR-Führung den Zusammenbruch des Regimes nicht in Erwägung gezogen habe. Sechsmal sei er in seiner Zeit als Bürgermeister mit Erich Honecker und Günter Mittag, seinerzeit in der DDR für Wirtschaftsfragen zuständig, zusammengetroffen. "Es war bemerkenswert, was ich dort an Selbstbewusstsein und Realitätsfremdheit gesehen habe", sagte Diepgen. Beide seien ernsthaft stolz auf die Produktion von Mikrochips der DDR-Firma Robotron gewesen. Chips, so groß wie ein Wagenrad, deutete Diepgen an. Er habe sich insgeheim immer gefragt, ob er ihnen nicht doch erzählen sollte, wie viele Chips in Kisten dieser Größe passten, die täglich aus Japan ankämen.

Außenpolitisch allerdings sei Honecker mit dem Empfang 1987 in Bonn fast am Ziel seiner Träume angekommen. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hätte ihm zwar die Leviten gelesen, ihn aber mit militärischen Ehren empfangen. Dass es doch anders kam, sei einer Reihe von Glücksfällen zu verdanken gewesen, vor allem jenem, "dass sich Schabowski schlicht und ergreifend verquatscht hat", wie Diepgen die legendären Worte zur Erläuterung der neuen Reisefreiheit nannte, welche die Öffnung der Mauer zur Folge hatten. Für Diepgen übrigens ein Datum, das sich für den Feiertag zur Deutschen Einheit besser eignen würde. Denn dass er mit dem 3. Oktober hadert, daraus machte er keinen Hehl. Doch als er Helmut Kohl darauf hingewiesen habe, dass man mit dem 3. Oktober keine Geschichten und keine Erinnerungen verbinden könne, habe der damalige Bundeskanzler geantwortet: "Herrgott, dass sehe ich alles genauso, aber wir machen es Anfang Oktober, da ist in der Regel schönes Wetter."

© SZ vom 05.10.2015
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