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Ebersberg:"Macht nicht diesen Quatsch hier"

Performance-Künstler schaffen Räume des Austauschs in der Alten Brennerei. Der Kunstverein und Peter Kees machen sichtbar, dass es für Reaktion immer auch eine Aktion braucht, dass beides nicht ohneeinander denkbar ist

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Ein Mensch, zu Boden geduckt, den Kopf mit Verbandmull umwickelt, der Körper von einer durchsichtigen Plastikfolie umhüllt. Langsam gerät die Gestalt in Bewegung, anhaltendes Rascheln füllt den Raum. Nach einigen Minuten steht sie aufrecht da, offenbar ein Mann. Er ertastet seine Umgebung, wirft dabei einen Klappstuhl um, beginnt dann andere Hindernisse aus dem Weg zu räumen, findet ein Seil. Er nimmt es, drückt es den schweigend Umherstehenden in die Hand. Es passiert: nichts. Der Mann zieht sich wieder zurück. Geraschel. Geduckt am Boden. Die Zuseher lassen das Seil los, um zu klatschen. "Ihm hat's nicht gefallen", liefert Johannes C. Gerard hinterher eine Deutungsvariante seiner Performance. "Isolation" hat der Niederländer sie genannt und so den Freitagabend im "Kunstraum 2" der Alten Brennerei eröffnet.

Man könnte diese Viertelstunde unter "Schauspielschule, 3. Semester, Lerninhalt ,Wir spielen einen Begriff'" abtun, wäre da nicht die Reaktion des Publikums. Indem es stumm starrend den Neuankömmling betrachtet, ehrfürchtig die Distanz wahrt zu seiner offenbar fremden Kultur - des Künstlers - und mit dem angebotenen Seilstück so überhaupt nichts anderes anzufangen weiß, als es fest zu halten, wandelt es das Stück in eine Parabel: Kein Wunder, wenn sich einer wieder frustriert zurückzieht, wenn unsere "Welcome-Kultur", unser "Onboarding" so aussieht. Der Applaus am Ende kommt zu spät.

Performance-Künstler Johannes C. Gerard.

(Foto: Christian Endt)

Die Performance ist ein schönes Beispiel dafür, dass das Geschehen im "Aktionsraum" nicht nur von den Akteuren ausgeht, die im Programmheft stehen. Die Idee, die Peter Kees mit dem Kunstverein Ebersberg da umgesetzt hat, macht sichtbar, was Physiker als Drittes Newtonsches Gesetz kennen: "Actio est reactio", Wirkung erzeugt Gegenwirkung. Die sieht im sozialen Raum selbstverständlich anders aus als beim Zugseil eines Krans, der einen Container umhebt. Aber sichtbar zu machen, dass es für eine Kraft immer zwei Körper im gleichen Raum braucht, um Wirkung zu erzielen - das ist die Kunst, das ist das lebendige Prinzip im Aktionsraum.

Unter diesen Prämissen dürfen wir nun spekulieren, was aus der zweiten Performance geworden wäre, die beinahe nicht performt hätte, weil eine special non-perfomance des Verkehrsmittels Bahn beinahe die rechtzeitige Ankunft Tanja Wilkings verhindert hätte, die durch eine spontane "Ich hole sie jetzt mit dem Auto ab"-Performance von Peter Kees aber halbwegs sichergestellt wurde. Das war so wohl nicht geplant, verlieh dem Szenario aber zusätzliche Spannung und erweiterte den Aktionsraum gleich noch in den Landkreis hinein.

Menschen, die sich aus ihrer Verpackungschälten, beherrschten weitgehend den Aktionsraum in der Alten Brennerei.

(Foto: Christian Endt)

"Ablösen" nannte sich dann die Darstellung eines sich gegenübersitzenden Paares, das sich ohne jeden wahrnehmbaren Kontakt mehr und mehr entblößt, während die weibliche Figur eine Zwiebel zu Würfeln zerkleinert. Das passt zwar nicht ganz zum gewünschten Bild "Häuten einer Zwiebel", aber dieses knirschende Geräusch, wenn das Messer die natürliche Struktur der Zwiebel in verzehrgerechte Stücke teilt, provozierte die Sinne viel mehr als die zunehmende Nacktheit der beiden. Zumal das Publikum auch diesmal in durchdringendem Schweigen verharrt, den Raum dem Geschehen überlässt. Wiederum also die Erweiterung der Parabel über die Handelnden hinaus auf die passiven Betrachter, die das Spektakel wahrnehmen, aber nicht eingreifen. Wobei der Witz darin besteht, dass es egal ist, was auf der Bühne geschieht, solange die Kunstfreunde in der Anbetung des Opus erstarren.

Eine Haltung, an die Reinhard Knoths folgende Betrachtungen über "Der Künstler als Prophet" nahtlos anschließen. Spielen doch in dessen philosophischem Ansatz Religion und religiöse Muster eine Schlüsselrolle. Also stellte er die These in den Raum, dass der prophetische Aufruf zur Umkehr - "Macht nicht diesen Quatsch hier" - umso eher ein Echo findet, je mehr sich sein Urheber in Kontrast zur scheinbar vernünftigen Welt stellt. "Prophet ist, wer sich nicht vor Lächerlichkeit scheut" sagte Knoth und bezog sich dabei auf seine Annahme, dass Gott nicht zürnt oder straft, sondern am liebsten lacht über die "Zeigehandlungen", mit denen seine Dolmetscher die Alltagsmenschen aus ihrem Trott reißen wollen.

Reinhard Knoth, sprach über den Künstler als Philosophen.

(Foto: Christian Endt)

Auch Knoths Beispiele zu Propheten in unserer Zeit brachten den Aktionsraum zwischen Handelnden und Zusehenden zur Sprache. Etwa beim Staunen der Menschen über die paar Quadratmeter picobello gereinigten New Yorker Bordsteigs, mit dem Aktionskünstlerin Mierle Laderman Ukeles ihnen die "schäbige Sauberkeit" des Normalzustands vor Augen führte. Oder die japanischen Fuke-Mönche, die an den verkehrsreichsten Stellen der Städte Shakuhachi-Flöten spielen, deren Klang nur für sie selbst hörbar ist, während sie selbst mit großen Körben über dem Kopf jedermann ins Auge stechen - dieweil die Jedermänner genau wissen, dass sie eigentlich die Flöte hören sollen und wollen statt des Straßenlärms. Bibelstellen von Moses, Jesaja und Ezechiel waren Knoth Beleg dafür, dass Künstler wie Propheten in einer kompletten Veränderung ihrer Persönlichkeit aufgingen und gar nicht anders könnten, als so zu handeln, wie es "gesellschaftlich gerade noch akzeptiert ist". Dass sie somit letzten Endes Aktionsraum durch ihre schiere Präsenz schaffen. q.e.d.

© SZ vom 05.10.2020

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