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Ebersberg:Horror von Herzen

Die Dreharbeiten zur zweiten Staffel der Webserie "Ebersberg" sind nun abgeschlossen. Am 8. Oktober gehen die von vielen Fans sehnlich erwarteten neuen Folgen online

Nur noch wenige Sonnenstrahlen können sich einen Weg durch den dicht bewachsenen Wald kämpfen. Der Moment, in dem die romantische Abendstimmung von bedrückender Dunkelheit verdrängt wird, steht unmittelbar bevor. Die Schritte einer Frau sind zu hören, sie geht die Straße im Wald entlang. Immer wieder dreht sich die zierliche Gestalt um und blickt besorgt zurück. Dabei fallen ihre kohlrabenschwarzen Haare auf das fast schon leuchtend weiße Kleid, das sie trägt. Plötzlich tauchen hinter ihr Lichter auf. Autoscheinwerfer?

"Und aus! Das hat mir sehr gut gefallen", beendet Regisseur Manuel Weiss die Szene und erhebt seinen Blick von dem Display der Kamera. "Wie war der Ton?", fragt er Jakob Renelt, der gerade die Mikrofonangel absenkt. "War spitze", antwortet er. Kurz zuvor hatte Weiss noch Bedenken geäußert, das Brummen des Generators, der einen riesigen Scheinwerfer hinter den Bäumen betreibt, könnte auf der Tonaufnahme zu hören sein.

Dies ist der letzte Drehtag - oder besser gesagt die letzte Drehnacht - für die zweite Staffel der Horrorserie "Ebersberg", die sich rund um die Legende der Weißen Frau spinnt und die Weiss, Filmemacher aus Haar, für das Internet produziert. Premiere gefeiert wird am Samstag, 7. Oktober, in der Münchner Filmhochschule, einen Tag später werden die neuen Folgen bei Amazon Video zu sehen sein.

Monika Feldschmid aus Oberpframmern spielt in der Serie "Ebersberg" die Weiße Frau.

(Foto: Christian Endt)

Um ungestört drehen zu können, haben die Filmer eine Waldstraße bei Oberpframmern gesperrt. Lediglich ein neugieriger Jäger fährt an die Absperrung heran und erkundigt sich, was hier los sei, und ob sich die Filmcrew eine Erlaubnis geholt habe. Ansonsten hat das Team die ganze Nacht lang ungestört Zeit, die Geschichte der weißen Frau einzufangen. Kern der Serie ist eine Grusellegende, die viele Menschen aus der Region schon einmal gehört haben dürften: Eine Frau, die vor vielen Jahren angefahren und sterbend zurückgelassen wurde, soll nachts in der Nähe der Hubertuskapelle im Ebersberger Forst stehen und ihren Mörder suchen. Hält ein Autofahrer nicht an, um die Geistergestalt einsteigen zu lassen, taucht sie plötzlich hinter ihm auf, greift ins Steuer und verursacht einen Unfall.

"Vielleicht schaffen wir die Szene noch, bevor die Hauptdarsteller kommen", ruft Weiss. Gerade als eine junge Frau mit der Filmklappe in Stellung geht, um Ton- und Kameramann das Signal für den nächsten Take zu geben, tauchen Scheinwerfer auf. Dieses Mal kein gewolltes Filmelement - sondern die Schauspieler Winfried Frey und Markus Langer, die sich dem Drehort über die abgesperrte Straße nähern.

"Ich hab dem Manuel meine Hilfe angeboten, als ich mitbekommen habe, dass eine zweite Staffel von ,Ebersberg' gedreht wird", erklärte Langer, der durch Facebook auf die Serie aufmerksam geworden war. Sowohl er als auch sein Kollege Frey sind in der Filmszene keine Unbekannten, im Gegenteil. Ob "Tatort", "Rosenheim Cops", "Hubert und Staller", "Bergdoktor" oder "Bulle von Tölz": Die Referenzen der beiden sind ausgezeichnet. Für diesen Job indes bekommen sie nur eine geringe Gage, für mehr fehlen einfach die finanziellen Mittel.

Ort des geschehens ist die Hubertuskapelle im Forst.

(Foto: Christian Endt)

"Allein dieser Drehtag kostet uns circa 13 000 Euro", sagt Weiss. Im selben Atemzug erklärte er aber, dass das im Vergleich zu anderen Fernsehproduktionen verhältnismäßig wenig sei. Die komplette zweite Staffel der Serie habe 300 000 Euro gekostet - eine einzige Folge "Tatort" hingegen verschlinge 1,4 Millionen Euro. "Ich spar mir schon mal viel Geld dadurch, dass ich viel eigenes Equipment habe, das ich mir nicht leihen muss." Aber auch viel Zeit und Energie steckt Weiss in das Projekt - gerade, weil es eine "Herzensangelegenheit" sei. "Ich gebe natürlich immer mein Bestes, wenn ich einen Auftrag habe. Aber bei einer eigenen Produktion ist es trotzdem noch mal etwas anderes. Man ist da noch mal kritischer", erklärt der Filmemacher.

"Mia miasn jemanden hoin. Sonst stirbt sie uns weg", stöhnt Frey in seiner Rolle. Die Verzweiflung und der Schock stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Hände sind blutüberströmt, weil er die Hand der Frau gehalten hat, die jetzt auf der kalten Erde liegt. Ihre Beine sind verdreht, Blut läuft ihr über das Gesicht auf das weiße Kleid. Mit halb geöffneten Augen verfolgt die schwer verletzte Frau den Streit der beiden Männer - in der Hoffnung, dass sie Hilfe holen. Doch vergebens. "Mia kennan niemanden hoin. Mia sand sternhagel voi. Kimm jetzt", schreit Langer wütend und zerrt seinen Freund weg. Nur noch die Weiße Frau liegt da. Schier verschluckt von der Dunkelheit. Und dem Tod hilflos ausgeliefert.

Die Geshichte dreht sich um eine Geistergestalt.

(Foto: Christian Endt)

"Ich habe noch gar keine Schauspielerfahrungen, ich arbeite eigentlich im Kindergarten", erklärt Monika Feldschmid lachend. Die Oberpframmernerin hatte mehrmals das Catering für die Filmcrew übernommen - und wurde irgendwann auch vor der Kamera eingespannt. "Lange wollte ich der Weißen Frau gar kein Gesicht geben. Aber Monika ist dafür einfach perfekt", sagt Weiss. Vor allem die schwarzen Haare würden Erinnerungen an Horrorfilme wie "Grudge" oder "The Ring" wecken.

Trotz Müdigkeit - es ist bereits zwei Uhr nachts - und Kälte, halten die Darsteller durch. Weiss und sein Team bereiten gerade den "Gegenschuss" der Szene vor: Ein Element aus der Filmbranche, um einen Dialog aus verschiedenen Blickwinkeln darstellen zu können. Währenddessen gehen Frey und Langer abseits vom Set noch mal die Szene durch. Ihre sich wiederholenden Schreie hallen durch den dunklen Wald: "Mia kennan niemanden hoin. Mia sand sternhagel voi." Auch die Weiße Frau, alias Feldschmid, ist voll konzentriert: Obwohl ihr unterkühlter Körper zittert, geht sie ihre Bewegungen durch. Noch einmal fällt die Klappe. Zum letzten Mal für diese Szene. Doch nicht zum letzte Mal in dieser Nacht. Denn auf dem Drehplan steht noch eine weitere Szene an einem anderen Ort. Gerade, als die Sonne wieder aufzugehen droht und der Umgebung ihren Grusel nehmen will, beendet die Filmcrew ihre Aufnahmen. Was für ein Timing.

© SZ vom 31.08.2017