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Ebersberg:Geräuschemacher Max Bauer trifft jeden Ton

Der Ebersberger Geräuschemacher Max Bauer hat jeden Ton im Repertoire - vom Orkan bis zu Quaken, Zirpen, Fluglärm und Regenguss

Auf dem Weg von der Gartentür zum Haus von Geräuschemacher Max Bauer regt sich kein Lüftchen. Doch drinnen, in Bauers Werkstatt, nimmt gerade ein Orkan Fahrt auf. Es braust, heult und pfeift, es kracht und dröhnt, schwillt an und schwillt ab. Das Inferno ist Teil der akustischen Ausstattung des Live-Hörspiels "Münchhausen", an dem Bauer anlässlich der nächsten Hörspieltage der ARD am 15. November in Karlsruhe arbeitet. Eine alte Windmaschine mit Kurbel, wie es sie schon in der Barockzeit gab, erzeugt, ganz naturalistisch, die bedrohliche Klangkulisse. Für das Feintuning bläst Bauer ins Mikro, eine angeschlossene Loop-Station verstärkt das Geräusch mit fettem Hall. Schließt man die Augen, hat man das Gefühl, jeden Moment umgeweht zu werden. Max Bauer ist einer der Juroren des Jugendkulturpreises zum Thema "Glückskeks", der an diesem Freitag in der Alten Brennerei Ebersberg verliehen wird. Apropos: Auch Kekse gehören zum Handwerkszeug des 51-Jährigen.

"Geräusche zu machen, ist ein Handwerk, keine Kunst", sagt Bauer. Doch vielleicht untertreibt er da ein wenig. Im Englischen wird sein Beruf immerhin "Foley Artist" genannt, nach dem Erfinder dieser Profession, Jack Donovan Foley. Schon Ende des 19. Jahrhunderts zogen Geräuschemacher durch die Varietés, um Stummfilmszenen zu vertonen, mit Vogelgezwitscher etwa oder Donnergrollen.

Eine faszinierende akustische Illusion entsteht auch, wenn Bauer mit einem Gummiball über ein "Donnerblech" streicht und so nahenden Flugzeuglärm imitiert; wenn er mit Hilfe einer Rassel Grillengezirpe, mit einem Schlauch das Tuten eines Dampfschiffs oder mit leeren Keksschachteln das Knistern eines Feuers erzeugt. Jeder Gegenstand, der Bauer im Alltag unterkommt, wird auf seine Geräusche-Tauglichkeit getestet, selten kommt es vor, dass er etwas nicht seinen Zauberkästen voll von Plastikfolien, Scharnieren, Pfeifen und anderen Gegenständen zuführt. Für einen Auftrag der Oper Berlin - Bauer sollte begleitend zum Chor typische Sumpfgeräusche wie Quaken und Zirpen herstellen - genügten ihm ein Glas halb voll mit Wasser und ein Finger.

Etwa vierzig Geräuschemacher arbeiteten noch in Deutschland, erzählt Bauer. Es gebe für diesen Beruf keine geregelte Ausbildung, auch die Berufsbezeichnung sei nicht geschützt. Manch ein Filmregisseur sei der Meinung, Leute wie er seien überflüssig, da heute alle Töne elektronisch archiviert seien. "Das stimmt und stimmt nicht", sagt Bauer. Häufig passten die Töne aus der Konserve eben nicht genau zur Szene. "Der Geräuschemacher verhält sich zum Sounddesigner in etwa so wie der Schneider zur Massenkonfektionsware."

Geräuschemacher Max Bauer aus Ebersberg arbeitet für Live-Hörspiele gerne mit der schon in der Barockzeit beliebten "Windmaschine".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenn Regentropfen auf einen Schirm prasseln, hört sich das anders an als auf Asphalt

Gerade Alltagsgeräusche sind so komplex, dass man nachbessern muss. Zum Beispiel, wenn es im Film regnet und ein Schirm aufgespannt wird. Tropfen, die eben noch auf Asphalt oder auf den nackten Erdboden fielen (nachgestellt mit Hilfe von Tonbandschnipseln, die er auf einem Stoffkissen knetet), prasseln nun auf den Schirm. Das ergibt einen ganz anderen Klang. Diese Abfolge von Geräuschen synchron zum Filmgeschehen zu erzeugen, das schafft kein Archivmaterial. Solche Präzisionsarbeit ist Sache des "Regenmachers" Max Bauer, der vor einem riesigen Flatscreen sitzt und synchron zum bewegten Bild agiert.

Erst seit zwei Jahren ist der geborene Ebersberger wieder hier ansässig, nachdem er die vergangenen 15 Jahre in Berlin gelebt hat und durch die ganze Welt gereist ist. Max Bauer hat eine Ausbildung als Tontechniker. Durch einen Freund hat er dann das Handwerk des "Bruîteurs", wie der Beruf lautmalerisch im Französischen heißt, kennengelernt und war davon fasziniert. "Man braucht nicht nur viel Technik, sondern auch Rhythmusgefühl, Musikalität und Einfühlungsvermögen in die Figuren." Seit seiner Jugend ist er mit Klangwelten vertraut. Er spielte mit 17 in Bands, lernte Percussion, Mundharmonika und Akkordeon, gehörte der Jazzformation "Jäger 90" an, hat bei den Kulturtagen in Ebersberg und im Jugendzentrum mitgearbeitet. Drei Jahre lang war er Assistent eines Geräuschemachers, bevor er sich selbständig machte und nun in dessen ehemaligem Münchner Studio arbeitet.

Für Kommissar Rex hat Bauer schon tappende Hundepfoten simuliert

Max Bauer hat an mehr als 300 Filmen mitgewirkt, zwei Oscar-Gewinner sind dabei. An manche Aufträge erinnert er sich gern, zum Beispiel an den Film "Die andere Heimat" von Edgar Reitz. Auch das Fernsehen zählt zu den Auftraggebern. Er hat für die erste Staffel der TV-Serie Kommissar Rex "Töne aufgefüllt", wie er es nennt, zum Beispiel das Geräusch von tappenden Hundepfoten. Ein Hund kann seine Krallen, anders als eine Katze, nicht einziehen. Um das typische Kratzgeräusch hinzubekommen, beklebte Bauer einen alten Handschuh mit Hornknöpfchen. Auch an einem Splatterfilm hat er mal mitgewirkt. "Für Geräuschemacher ein Traum, aber anschauen würde ich mir das nie." Im Grunde mag er vor allem Bühnenprojekte wie etwa die Aufführung "Urmel aus dem Eis", die er zusammen mit Maria Reiter und Stefan Wilkening realisiert. Um das Platschen der Urmelfüße akustisch umzusetzen, nimmt er übrigens einen Fahrradschlauch. Man braucht wohl Ohren wie ein Luchs und jede Menge Fantasie, um wie er die Welt zum Klingen zu bringen. Oft wird er gefragt, warum man im Film nicht einfach den Originalton beibehalte. O-Ton, so Bauer, klinge furchtbar. Immer gebe es störende Geräusche - Husten, Flüstern, einen Flieger im Mittelalterspektakel, quietschende Bremsen in der Postkutschen-Romanze.

Ein Stoffkissen und ein Knäuel aus Tonbandsalat: Fertig ist der Regenschauer Marke Bauer.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um ein Geräusch zu "bauen", zerlegt Bauer es in seine Bestandteile und konstruiert es neu. Zu den "Lieblingen" seines Klang-Universums zählt das "Waterphone", ein metallenes Instrument aus vertikalen, verschieden hohen Stäben, die in einer mit Wasser gefüllten Scheibe stecken und an denen Bauer mit einem Klöppel zart entlang streicht. Das merkwürdige Ding hat seinen Namen nicht etwa wegen des Wassers, sondern weil ein gewisser Richard Waters es erfunden hat. Es erzeugt unheimliche, irgendwie sphärische Klänge. "Die wurden in vielen Filmen eingebaut, zum Beispiel bei Hitchcock", berichtet Bauer.

Wie abgestumpft das Gehör eines Laien ist, begreift man, wenn Bauer erzählt, wie aufwendig es ist, die Schritte eines Menschen zu "bauen". Denn deren Klang und Intensität ändere sich von Person zu Person je nach Tempo, Gewicht, Haltung, Laune, Geschlecht, Schuhwerk und Bodenbeschaffenheit. Schwierig umzusetzen sei etwa unlängst eine Arbeit für einen Krimi gewesen, in dem eine flüchtende Frau barfuß über eine Autobahn läuft, auf der sich gerade der Verkehr staut, berichtet Bauer.

So mancher Regisseur wisse gar nicht, dass es ihn gibt, freue sich aber über die tolle Geräuschqualität, sagt Bauer, der die Leute aus der Filmproduktion meist nie zu Gesicht bekommt. Man nehme es vielleicht nicht bewusst wahr, sagt Bauer, "aber man spürt, wenn ein Geräusch nicht stimmt. Unsereins hat dann super gearbeitet, wenn es keinem auffällt."

An diesem Freitag, 30. Oktober, wird um 19 Uhr der Jugendkulturpreis zum Thema "Glückskeks" im Studio an der Rampe im Klosterbauhof Ebersberg verliehen. Das Preisgeld beträgt insgesamt 1000 Euro.