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Ebersberg:Ehrensache

Bayerische Ehrenamtskarte Gold und Blau

Viele Jugendliche engagieren sich ganz selbstverständlich in Vereinen, zu denen sie selbst einen Bezug haben, wenn ihnen denn die Zeit dafür bleibt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Einer Studie zufolge engagieren sich immer mehr Menschen auf freiwilliger Basis. Trotzdem fehlt es im Landkreis an Jugendlichen, die in Vereinen oder Institutionen mitarbeiten

Sie veranstalten Spielgruppen für Kinder, trainieren junge Sportler auf dem Fußballplatz, geben Posaunenunterricht oder bringen sich in der Flüchtlingshilfe ein: Viele Jugendliche übernehmen in ihrer Freizeit ehrenamtliche Aufgaben. Einer aktuellen Untersuchung zufolge steigt der Anteil derjenigen, die sich engagieren, seit einigen Jahren. Fragt man im Landkreis Ebersberg herum, gehen die Ansichten über die Zukunft des Ehrenamts allerdings auseinander.

"Man hört zwar immer wieder, dass die Jugend sich heutzutage kaum noch einbringt", sagt Peter Hölzer, Leiter des Amts für Familie und Kultur in Ebersberg, "aber ich muss sagen, dass die Jugendlichen sehr aktiv sind." Er habe den Eindruck, dass es ganz selbstverständlich sei, sich zu engagieren. Mit dieser Einschätzung liegt der Jugendpfleger auf einer Linie mit der aktuellsten Studie zum Thema Ehrenamt: Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014 hat Personen ab 14 Jahren zum Thema befragt. Das Ergebnis: In den vergangenen Jahren ist das Engagement gestiegen. Während sich 2004 noch 35,5 Prozent der Deutschen über 14 Jahren ehrenamtlich eingebracht haben, waren es 2014 bereits 43,6 Prozent. Insbesondere die jüngere Generation seien aktiv, heißt es.

Ganz anders sieht das Daniel Hitzke, Vorstandsmitglied des Kreisjugendrings. Seit etwa acht Jahren sei zu beobachten, dass Vereinen und Gruppen der Nachwuchs fehle und damit die ehrenamtlichen Helfer. Auch die Anträge auf eine Jugendleiter-Card, die Juleica, seien rückläufig. Einen Grund sieht der 34-Jährige in der Einführung des achtjährigen Gymnasiums und der Umstellung auf Bachelor und Master-Studiengänge. "Die Schüler haben am Nachmittag viel weniger Zeit und müssen mehr lernen." Hitzke, der seine ehrenamtlichen Wurzeln im Ebersberger Jugendzentrum hat, sagt: "Das war früher schon anders - es war einfach immer etwas los."

Den größten Bereich für ehrenamtliches Engagement nehmen dem Freiwilligensurvey zufolge Sport und Bewegung ein, gefolgt von Schule und Kindergarten sowie Kultur und Musik. Am häufigsten engagieren sich Menschen in Vereinen und Verbänden. In Sportvereinen, da sind sich Hölzer und Hitzke einig, laufe die Versorgung mit Ehrenamtlichen noch recht gut. Aber offene Angebote, wie die freie Jugendarbeit etwa, für die sich der Kreisjugendring stark macht, würden nicht mehr so gut angenommen. "Das Ehrenamt hat sich einfach verändert", erklärt Hölzer; es habe sich verlagert: Anders als früher finde es nicht mehr unbedingt im Jugendraum statt, sondern eher im schulischen Umfeld, wo sich die jungen Menschen immer länger aufhielten. "Die Erwachsene bekommen das häufig vielleicht gar nicht so mit."

Hitzke sagt dazu: "Der Schulkontext hat gerade im Ehrenamt nichts zu suchen." Beim klassischen Ehrenamt sei der Sinn ja gerade, dass es ganz ohne Zwang außerhalb von Bildungseinrichtungen stattfinde und Jugendliche selbst feststellen können, woran sie Interesse haben. Ein Ziel sei ja auch, die sozialen Beziehungen zu erweitern.

Ein Grund für die Diskrepanz zwischen der Studie und dem Empfinden der Vereine und Organisationen könnte die zeitliche Verteilung der ehrenamtlichen Arbeit sein. So engagieren sich laut der Untersuchung zwar viele Menschen im Ehrenamt, jedoch immer kürzer; die Zahl derjenigen, die nur zwei Stunden pro Woche einbringen, steigt; die Zahl derjenigen, die sechs Stunden die Woche helfen, sinkt.

Eine weitere grundlegende Veränderung hat Thomas Bergmeister, Jugendseelsorger und Pastoralreferent bei der katholischen Jugendstelle in Ebersberg festgestellt: Für Jugendliche sei es heute viel schwieriger, regelmäßige Termine unter der Woche wahrzunehmen. Dafür würden sie sich an Sonntagen und Freitagabenden häufiger Zeit nehmen für Sitzungen und Gruppen. "Das wäre früher undenkbar gewesen", sagt er. Gründe dafür sieht Bergmeister ebenfalls in den steigenden Anforderungen von Schule und Universität. Zudem gebe es imm er mehr verschiedene Angebote, immer mehr Vereine. "Diejenigen, die engagiert sind, sind schon sehr gut eingespannt."

Außerdem ist Bergmeister aufgefallen, dass die Teilnehmer an den Gruppenleiterausbildungen immer jünger werden. Früher seien die Engagierten viel länger dabei geblieben und hätten sich oft auch noch mit Mitte 20 engagiert. Doch mittlerweile seien die Gruppenleiter eher zwischen 13 und 18 Jahren alt. Denn danach zögen die meisten zum Studieren weg. "Da wird inzwischen viel mehr Flexibilität von der Jugend verlangt", so sein Fazit.

Einig sind sich alle darin, dass sich das Verhältnis zum Ehrenamt und die Art und Weise des Engagements von jungen Menschen wandelt. "Vielleicht muss man die Jugendlichen heutzutage einfach anders ansprechen", sagt Peter Hölzer. Sie treffen sich weniger in Jugendorganisationen, sondern schreiben Blogs und nutzen soziale Medien. Daniel Hitzke blickt hingegen düster in die Zukunft. "Wenn es so weitergeht, dass Schüler immer schneller in die Wirtschaft integriert werden sollen, geht es mit dem Ehrenamt weiterhin bergab." Deshalb müssten Organisationen und Vereine daran arbeiten, das Interesse der Jugendlichen wieder zu wecken. Trotzdem bleibe es am Ende immer die Sache der jungen Leute selbst, sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu motivieren. Und sich dafür neben Schule, Nebenjobs, Studium und Praktika die Zeit dafür noch freizuschaufeln.

© SZ vom 15.05.2017

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