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Ausstellung in Ebersberg:Hölzerne Kunst

Die Ameranger Malerin Elvira Schmidt und die Grafinger Bildhauerin Maria Bulla arbeiten gerne mit altem Holz. In der Galerie des Ebersberger Rathauses zeigen sie noch bis September ihre bezaubernden Werke.

"Bitte berühren!" steht auf einem kleinen Zettel, der mit einem Klebestreifen an eine große Holzskulptur gepappt ist. Aber irgendwie könnte das auch das Motto der ganzen Ausstellung sein: Hier findet man Kunst, die alles andere ist als schroff oder abweisend, Kunst nämlich, die sich gerne öffnet, sich berühren lässt und berührt. Im Zentrum der neuen Schau in der Galerie des Ebersberger Zentrums steht der Werkstoff Holz, dem sich beide Künstlerinnen verschrieben haben: Elvira Schmidt aus Amerang bemalt hölzerne Fundstücke und Maria Bulla aus Grafing formt ihre Skulpturen am liebsten aus alten Bäumen.

Ein von ihr bearbeiteter Stamm ziert denn auch die Mitte des Ausstellungsraumes: ein uralter, mächtiger Apfelbaum, von der erst 22-jährigen Holzbildhauerin in eine neue Form gebracht. "Der ist was ganz Besonderes", schwärmt Bulla. So große Obstbäume gebe es nur sehr selten, "denn wenn die Bauern einen fällen, wird er gleich zu Brennholz gemacht".

Dieses Exemplar hingegen sei lange in einem Garten gelegen, so dass der Zersetzungsprozess im Inneren schon voll im Gange gewesen sei. Das wiederum hat der Künstlerin die Arbeit erleichtert: Mit Spachtel und Kettensäge hat sie den Baum entrindet, gestutzt, ausgehöhlt und in Form gebracht.

Elvira Schmidt aus Amerang bemalt hölzerne Fundstücke.

(Foto: Christian Endt)

Nun lädt er zum Staunen und Berühren ein. Die Oberfläche ist teils speckig-glatt, teils eher rau, manche Stellen weisen eine lebenslinienartige Maserung auf, andere ganz dunkelbraune Ränder, als wären sie verkohlt, dazwischen wuchern die apfelbaumtypischen Krebsgeschwüre. Außerdem kann man aus verschiedenen Perspektiven durch den Stamm hindurchsehen. "Ich liebe diese Plastizität", sagt Bulla, und auch die Besucher sollen sie mit den eigenen Händen erspüren können. Schließlich trägt die Skulptur den Titel "Vertrauen". Außerdem hat die Künstlerin das Holz eingeölt, "da kann man alles wieder abwischen".

Dem Genre "Holz mit Geschichte" gilt auch die Leidenschaft von Elvira Schmidt. Die Kulturpädagogin arbeitet bereits seit ein paar Jahren malerisch mit Holzelementen, meist Fundstücke aus Dachböden, Containern oder Abrissgebäuden: Schranktüren, Bretter, Fensterrahmen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie deutliche Gebrauchsspuren aufweisen.

Astlöcher, Abschabungen, Kratzer, Risse, verrostete Metallelemente, Lackspuren: All das nutzt Schmidt als Impulsgeber für ihre Acrylmalerei, die sie in sehr dünnen, lasierenden Schichten aufträgt. Schließlich soll das Holz mitsamt seinen Spuren hinterher noch zu sehen sein. "Diese Stücke machen einem so viele Angebote, dass die Bilder oft fast von ganz alleine entstehen", schwärmt die 41-jährige Künstlerin. Aus dem Astloch wird ein Auge, aus dem Kratzer ein Mund und abblätternder Lack zum Schuppenkleid eines großen Fischs. Aus Büchern, die ebenfalls alt sind, fügt Schmidt oftmals Collageelemente hinzu, die die Bilderwelten zusätzlich akzentuieren.

Maria Bulla aus Grafing formt ihre Skulpturen am liebsten aus alten Bäumen.

(Foto: Christian Endt)

Das Ergebnis sind poetische Traumlandschaften, bevölkert von allerlei Tieren, Menschen und Fabelwesen. "Mir zeigen sich beim Zeichnen immer wieder nicht erklärbare Figuren, die mich einfach erfreuen", erzählt Schmidt. Ein dickes, gestreiftes Tier mit großen runden Augen, einem langen geringelten Rüssel und einem ebensolchen Schwanz etwa.

Oder allerhand clowneske "schräge Freunde". Unter dem Titel "Schwimmen und Schweben" zum Beispiel wirft Schmidt einen Blick unter Wasser und präsentiert in zarten Blautönen ein wunderliches Panoptikum an Meerestieren: Fische in allen erdenklichen fantastischen Formen, robbenartige Tiere und seltsame Quallen. Große Vögel mit noch riesigeren Astlochaugen hingegen fliegen durch das Bild "Fünf Uhr morgens", am unteren Rand des alten Brettes scheint hinter Schafen und Bäumen das Morgenrot auf, in der Mitte breitet eine Clownsfigur weit ihre Arme aus.

Außer den Holzbildern zeigt Schmidt in Ebersberg Auszüge aus ihren Skizzenbüchern: experimentelle Collagen und Zeichnungen auf Papier. Hier ist das Bild geprägt von zarten Linien und verlaufenden Flächen, Hauptmotiv ebenfalls die Tierwelt. Unter dem Titel "Dreaming" zeigt die Malerin einen Vogel, die Augen geschlossen, über ihm eine Denkblase mit bunten Kugeln darin. Eine gestreifte Katze unterm Sternenhimmel nennt sie "Stars and Stripes".

Zweien ihrer Malereien auf Holz hat Schmidt den Titel "Wimpernschlag" gegeben - aber dieser passt eigentlich auf viele der Exponate: Sie zeigen traumhaft-flüchtige, skurrile Szenen, die vor dem inneren Auge irgendwie einen positiven Nachhall finden. Schmidts Kunst ist romantisch, humorvoll und unschuldig-kindlich - ohne in den Kitsch abzudriften. Auf einem langen, hochformatigen Brett sieht man eine große und eine kleinere Giraffe. Die Junge reckt den Kopf nach oben, wo eine lange Blume aus bemaltem, altem Zeitungspapier ins Bild ragt. Daneben pappt ein Aufkleber, ein klitzekleiner blauer Schmetterling. Der Titel des Bildes lautet: "Staunen".

Elvira Schmidt und Maria Bulla: Ausstellung im Rathaus Ebersberg, zu sehen bis 4. September, geöffnet montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr und freitags 8 bis 12 Uhr, Infos unter www.elvira-schmidt.de und www.bullart.de

© SZ vom 16.07.2015
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