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"Dichter Verkehr":Geschüttelte Poesie

Anzing Weinbeisser

Kabarettist Ludwig W. Müller erklärt, wie die Österreicher ticken.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ludwig W. Müller überzeugt im Weinbeisser als Sprachkünstler

"Mei, der österreichische Dialekt ist ja so schön. Was es da immer für Ausdrücke gibt", freut sich eine Dame aus dem Publikum, noch bevor es überhaupt losgeht. Conny Hoffmann hat sich für sein Kunstprogramm im Anzinger Weinbeißer dieses Mal für einen Kabarettisten aus dem "Ausland" entschieden. Als "oberösterreichischer Charmeur", wie sich Ludwig W. Müller selbst bezeichnet, möchte er den Bayern in seinem neuen Programm "Dichter Verkehr" nicht nur den Schüttelreim näher bringen, sondern auch erklären, wie die Menschen im Nachbarland so ticken.

Mit dem "Charme", so Müller, habe er leider zu viel versprochen. Denn den von den Deutschen so geliebten und heiß begehrten Wiener Charme gebe es nicht mehr: Anstatt im Café Bestellungen mit Sonderwünschen entgegenzunehmen, komme die Küchenchefin gleich höchstpersönlich mit dem Pfefferspray an den Tisch. Werde in der U-Bahn laut genießt, bekomme man statt einer Entschuldigung nur eine Frage an den Kopf geworfen:"Is eh kana verletzt, oda?". Nachdem Müller dem Publikum noch erklärt, was eine "Eitrige" ist (ein Käsekrainer, also Wurst mit Käse drin) oder ein "Krokodü" (ein Krokodil, eine große Gewürzgurke beim Würstelstand), fängt er an, aus seinem Leben zu erzählen. Dabei berichtet der Österreicher von verschiedenen Situationen, indem er in die Rolle seines Gegenübers schlüpft. Eigentlich hat Müller Rechtswissenschaften studiert, doch als angehender Künstler führte der Weg am Arbeitsamt nicht vorbei. Und schon wird er zu einem Angestellten der Behörde, den sein neues Gebiss aus Ungarn - so eine "Hollywood-Bappn" - deutlich beim Sprechen behindert.

Dass der Kabarettist dem Sprachwitz und der Dichtung mit Haut und Haaren verfallen ist, ist allen seinen Charakteren anzumerken. Vor allem als Moderator beim "internationalen" Radio Innwelle, "wo Österreich noch Bayern ist und umgekehrt", nutzt er jede Gelegenheit, um einen Schüttelreim zum besten zu geben - oder wie er es nennt "geschüttelte Poesie". Am Berg soll man "vor der Skihittn, nix hi schittn", und parkt die Blondine mit ihrem Auto ein, so "fährt sie sich durch die Dauerwelle und sieht auweh, a Delle". Der Sprachkünstler findet wirklich für jede Situation und jedes Wort den passenden Reim. Denkt man sich: Nein, darauf reimt sich jetzt aber wirklich nichts mehr, beweist Müller das Gegenteil. Ohne, und das ist die große Kunst dabei, angestrengt zu wirken. Obwohl Klischees bedient werden, bringt er seine Aussagen mit viel Witz und "Schmäh" auf den Punkt.

Wenn es um Bayern und Österreich geht, darf man laut Müller aber auch keinesfalls den Zugverkehr außer Acht lassen. Denn obwohl die Grenzen zwischen den beiden Ländern quasi nicht existieren, scheinen diese während einer Zugfahrt ganz deutlich zu werden: Kaum werde die Grenze überquert, seien die Österreicher für sämtliche Verspätungen verantwortlich. Diese wiederum beschuldigen aber nicht die Deutschen, sondern den Zug aus dem Ausland. Um diese Thesen zu untermauern und authentisch zu gestalten, verfällt Müller in die unterschiedlichsten Dialekte. Auch als er Märchen in verschiedenen Sprachen widergibt, begeistert er mit Kreativität. So wird der Jäger in Rotkäppchen im Spanischen zum "el ballermann" und das Lebkuchendach der Hexe zum "Laptop". Trotz vieler Schüttelreime bringt Müller also viel Abwechslung in seinen "Dichterverkehr".

© SZ vom 07.04.2017
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