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Der Sport im Ort:Ruhm und Brandblasen

Simon Kulzer

Erfolgreiches Team: Simon Kulzer (rechts) und Armin Dollinger feiern ihren Sieg in Indien.

(Foto: Privat)

Der Baldhamer Beachvolleyballer Simon Kulzer hat sein erstes Turnier in der Weltserie gewonnen - und sich ein kleines bisschen wie ein Star gefühlt

Interview Von Viktoria Spinrad

Ein Urlaub in Italien weckte die Leidenschaft. Kaum ein Jahr später war der damals zwölfjährige Baldhamer Simon Kulzer in seiner Altersklasse offiziell der beste Beachvolleyballer Oberbayerns. Heute gilt der 21-Jährige als eines der bundesweit größten Talente. Im zweiten Jahr baggert und pritscht er sich nun zusammen mit dem Garchinger Armin Dollinger (28) durch die Turniere der Welt. Nicht ohne Erfolg: Das einzige bayerische Profi-Duo konnte beim Saisonauftakt in Indien seine erste Goldmedaille in der welthöchsten Turnierserie einfahren. Unter der Abendsonne Sydneys plaudert Kulzer über Brandblasen, patriotische Franzosen und den Beachvolleyball als Lebensschule.

SZ: Vor zehn Jahren haben Sie der SZ gesagt, dass Sie Beachvolleyball-Weltmeister werden wollen. In dieser Woche haben Sie nun tatsächlich Ihr erstes Turnier in der Weltserie gewonnen - und das trotz 40 Grad. Chapeau!

Simon Kulzer: Ja, ein Traum ist wahr geworden! Klar, die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit waren schon brutal, aber da müssen alle Spieler durch. Auch der Sand hatte teilweise 40 Grad und mehr. Leider hat sich mein Partner dadurch Brandblasen am Fuß zugezogen, aber auch damit muss man umgehen.

Trotzdem sind Sie noch am selben Abend zum Turnier nach Sydney weitergeflogen und dort in der Vorrunde ausgeschieden. Enttäuscht?

Jein. Spielerisch hätten wir die Qualifikation schaffen können, aber Armin konnte wirklich kaum noch laufen, geschweige denn zum Ball springen. Er humpelt jetzt noch. Daraus haben wir gelernt, das machen wir nicht noch mal.

Dafür können Sie jetzt noch ein paar Trainings-Tage am australischen Strand genießen und den Jetlag auskurieren. Mit welchen schönen Erinnerungen reisen Sie am Montag wieder zurück nach Vaterstetten?

In Indien fühlt man sich wie der Star schlechthin! Wenn man mit dem Auto rumfährt, klopfen die Menschen gegen die Scheiben, wollen einen berühren und Fotos machen. Nach unserem Sieg sind die Fans gleich aufs Spielfeld gestürmt, um Selfies mit uns zu machen. Richtig verrückt, so etwas habe ich noch nie erlebt!

Wie ist Ihre Erfahrung mit den gegnerischen Teams?

Da muss ich manchmal über das ein oder andere Klischee schmunzeln. Während Armin und ich brav unsere selbstgemachten grünen Smoothies schlürfen und die Asiaten ihre Suppen, hauen sich die Italiener riesige Mengen an Pizza und Pasta rein. Heute ist ein Franzose nach einem Sieg in seiner Tricolore-Badehose jubelnd ins Meer gehüpft. Herrlich!

Gar kein Neid unter Konkurrenten?

Im Gegenteil, die anderen Spieler geben einem manchmal noch Tipps. Ich kenne keinen Beachvolleyballer, der denkt, er sei etwas Besseres. Jetzt am Wochenende trainiere ich hier sogar noch mit Sportskollegen aus Österreich und England. So lerne ich Menschen aus aller Welt kennen. Wenn ich mit meiner zukünftigen Freundin mal eine Weltreise unternehmen sollte, dann habe ich überall in der Welt Anlaufstellen. Wir Beachvolleyballer sind eine offene, bodenständige Community.

Dafür müssen Sie ihren Profi-Alltag auch ganz bodenständig selber managen, in Bayern gibt es keinen Beachvolleyball-Stützpunkt.

Ja, wir organisieren unser Sport-Netzwerk in Eigenregie: Trainingshalle, Fitnessstudios, Sponsoren. So kommen wir bei den Turnieren zumindest mit einem Nullgeschäft raus, unser eigentliches Geld verdienen wir mit Workshops. Das ist ein maximaler Kampf. Ich stehe um 8 Uhr auf und bin abends um halb 12 fertig. Feiern, Stammtisch, so etwas kenne ich nicht.

Dabei sind Sie auch Student, studieren Wirtschaftspsychologie. Was bleibt bei dem straffen Programm auf der Strecke?

Das Nachtleben nicht, der Typ dafür war ich sowieso nie. Aber während der Saison gibt es natürlich Momente, wo einem bei dem ganzen Jetset-Leben die Freunde und Familie fehlen. Und kulinarisch müssen wir uns disziplinieren, statt Schokolade und Keksen gibt's eben Mangostücke und Zartbitterschokolade (lacht).

Das hätten Sie sich bei ihren Beachvolleyball-Anfängen vor zehn Jahren wohl nicht träumen lassen.

Damals war ich elf und im Kluburlaub in Italien, als mir jemand zum ersten Mal einen Beachvolleyball in die Hände gedrückt hat. Bis dahin hatte ich alles möglichen Sportarten ausprobiert. Bei Leichtathletik hat mir der Spaß gefehlt, bei Basketball und Handball waren mir zu viele Spieler auf dem Feld. Beim Training beim TSV Vaterstetten hab ich dann gemerkt: Beachvolleyball ist die perfekte Mischung und ein ganz eigener Lifestyle mit einem großen Entertainment-Faktor.

Nach einer Woche in Vaterstetten und München geht's für Sie weiter zu Turnieren nach Kambodscha und Schweden. Welche Strukturen bräuchte es, dass Sie dort beide Vollgas geben können?

In Vaterstetten sind die Beachvolleyball-Plätze ja leider nicht überdacht, wir bräuchten also unbedingt eine Halle. Die am Münchner Ostbahnhof wird demnächst abgerissen und wir können unmöglich durchgehend dahin reisen, wo es warm ist. Dabei wäre es schön, wenn wir auf solchen Reisen auch unsere Trainer dabeihaben könnten - zurzeit reicht das Geld dafür nicht. Genau wie für einen Physiotherapeuten, im Moment werden wir mittels Krankenkassen-Rezepten behandelt. Kurzum: Wir bräuchten einen Stützpunkt in Bayern. Denn wenn wir unsere Trainer nicht mehr bezahlen können, sind die erst mal ohne Job.

Viel Druck für einen 21-Jährigen.

Das mag sein, aber das alles macht mir auch sehr viel Spaß. Ich durfte schon in 28 Länder reisen! Und welcher 21-Jährige hat schon die Möglichkeit, auf Messen mit den CEOs großer Firmen zu sprechen, um Sponsoren anzuwerben? Instagram, Werbefilme, Finanzen, ich muss mich ständig in neue Dinge reinfuchsen. Mein Alltag als Profisportler...

... klingt wie eine gute Lebensschule.

Oder wie eine Vertriebsausbildung (lacht). Im Beachvolleyball gibt es eben keinen Verein, keine FC Bayern-Beachvolleyball-Abteilung, da ist man halt auf sich gestellt. Ja, manchmal fehlen die Freundschaften oder das Gefühl, wirklich als Profisportler wahrgenommen zu werden. Aber ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Und mein Ziel steht: Weltmeister werden - und Olympia 2024 in Paris.

© SZ vom 09.03.2019
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