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Der Bärtige, die Käfer und der Gin:Pech 1858

Autor Anselm Oelze kommt an bei den Kirchseeoner Gymnasiasten - und ist seinerseits begeistert von ihrer kreativen Kulisse.

(Foto: Christian Endt)

Anselm Oelze zieht bei der Lesung seines Erstlings "Wallace" im Gymnasium Kirchseeon alle Register

"Bah!", stöhnt eine Schülerin in der dritten Reihe und ein klein wenig muss man ihr Recht geben. Schilderungen von der Entfernung von Parasiten mit rustikalen Bordmitteln erzeugen bei den Zuhörenden schon mal diese spezielle Mischung aus Faszination und Ekel. Nicht ganz unbeabsichtigt, möchte man meinen. Hatte doch der Sprecher den rund 130 Elftklässlern schon vorher angekündigt: "Ich erspare euch nichts!"

Wer da ganz entspannt auf der Bühne in der Aula des Gymnasiums Kirchseeon steht und von mit Nadeln angepieksten Sandflohabdomen unter Zehennägeln spricht, ist Anselm Oelze, der sein im Februar bei Schöffling & Co. erschienenes Buch "Wallace" mitgebracht hat. Eingeladen haben ihn jedoch nicht, wie man meinen könnte, die Biologen - wiewohl diese für das beeindruckende Bühnenbild mit ausgestopften Vögeln auf Büchern ("Die beste Kulisse, in der ich bisher gelesen habe") offenbar ihren kompletten Fundus geplündert haben. Stattdessen ist es die Fachschaft Deutsch, vertreten durch Julia Scheller und Matthias Ott, die den Philosophie-Dozenten gebeten hat, aus seinem Debüt zu lesen. Die Schülerinnen und Schülern sollen die Chance haben, spannende Gegenwartsliteratur wenigstens auf diese Weise zu erleben, wenn diese schon so wenig Raum im Lehrplan findet. Denn "wenn wir in der Oberstufe mit der Klassik durch sind, steht schon das Abi vor der Tür".

Im Zentrum des Romans steht der heute weitgehend in Vergessenheit geratene Naturforscher Alfred Russel Wallace. Der englische Autodidakt hatte sich - fasziniert von den Berichten weit gereister Zeitgenossen - auf Expedition begeben und dabei allerlei Tiere und Pflanzen entdeckt. 1858 traf ihn in einer Fiebernacht wie ein Blitz die Erkenntnis, dass am ehesten jene Geschöpfe überleben, die als Sieger aus dem Wettbewerb um begrenzte Ressourcen hervorgehen. Dies schilderte er, statt damit direkt an die Öffentlichkeit zu gehen, per Brief einem schon damals renommierten Experten, Charles Darwin, um dessen Meinung einzuholen. Der wiederum stellte fest, dass der 14 Jahre Jüngere genau jenes Thema aufgegriffen hatte, das bei ihm selbst schon seit geraumer Zeit in der Schublade schlummerte. Das Ende vom Lied: Darwin vollendete unter Hochdruck sein Werk über die Evolution, es machte weltweit Furore und Wallace wurde zur Randnotiz. Und das, obwohl "der Bärtige" (wie Wallace im Buch überwiegend heißt) bei seinen Reisen durch die Welt nicht wenige Strapazen erlitten und sich trotz gewaltiger Rückschläge nie hatte unterkriegen lassen. Im Buch allerdings geht es vor allem um die Frage: Wenn zwei dasselbe tun, warum hat einer damit Erfolg und der andere nicht? Wie entscheidend ist es, eine Gelegenheit zu ergreifen, wenn sie sich bietet?

An dieser Stelle kommt der zweite Protagonist von "Wallace" ins Spiel, Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg. Der etwas kauzige Typ, im Leben ein ewiger "Zweiter" geblieben, wird in der Parallelhandlung 150 Jahre später durch Zufall auf die Wallace-Geschichte aufmerksam und hat das Gefühl, er müsse sich posthum für den verkannten Naturkundler einsetzen, was er auf sehr unorthodoxe Weise tut.

Natürlich wollen die Schüler wissen, ob es sich bei Bromberg um Oelzes Alter Ego handelt, was dieser verneint. Zumal sich der 33-jährige, wie er im Vorgespräch verrät, im Gegensatz zu seinen Figuren, sehr wohl etwas getraut hat: Als ihm nach siebenjähriger Recherche und der Abgabe eines Exposés nämlich der Verlagsvertrag ins Haus flatterte, erhielt er gleichzeitig das attraktive Stellenangebot einer Schweizer Universität. Es galt, sich zu entscheiden, sechs Monate als Vollzeit-Schriftsteller würde er für die fehlenden 250 Manuskriptseiten brauchen. Anderthalb Wochen vor Geburt der Tochter gab er ab.

Die Entschlossenheit jener Tage zeigt der gebürtige Erfurter auch in der Kirchseeoner Aula, als er unbeirrt gegen den in der Mitte des 90-minütigen Vortrags einsetzenden Pausenlärm anliest. Seine angenehme Stimme, die gut ausgewählten Passagen und der immer wieder durchscheinende, trockene Humor beeindrucken auch die 15- und 16-jährigen, die Oelze "locker, luftig, lustig, humorvoll" oder einfach nur "cool" finden.

Als der Redner zum Ende seiner Lesung kommt, erzählt er noch eine Anekdote, die doppelt bedeutsam ist, weil sie einerseits mit dem Inhalt des Buches zu tun hat, gleichzeitig aber auch damit, wie der schillernd bunte Wallace-Käfer - Vorbild für die von unterschiedlichen Jahrgangsstufen in Kunst angefertigten Werke überall im der Schulaula - aufs Cover kam. An diesem Punkt schlägt die Begeisterung im jungen Publikum hohe Wellen, begeistertes Johlen und Klatschen ertönt. Allerdings geht es dabei nicht um Tiere, sondern um - Gin.