Das Phänomen Zeit Weg mit den grauen Herren

In einem Forstinninger Café wird philosophiert: über die Zeit

Von Alexandra Leuthner, Forstinning

Wer Michael Endes Roman "Momo" gelesen hat, der kennt die grauen Herren mit grauen Anzügen und grauen Gesichtern. Die Zigarren in ihrem Mund sind ihr Lebenselixier. Darin ist die Zeit gespeichert, die sie den Menschen stehlen, indem sie sie dazu verpflichten, sie einzusparen und sich nicht in Müßiggang zu verlieren. Und schon sind sie verraucht, die Sekunden, Minuten und Stunden, unwiederbringlich dahin.

Ein verstörender Gedanke, der irgendwo ständig mit im Raum war, im Café Zeitschmiede, in dem am Donnerstagabend Menschen über die Zeit philosophierten. 20 Gäste, von ziemlich jung bis recht alt, saßen im Kreis, die Vornamen auf kleine Schildchen geschrieben, und nahmen sich Zeit zu reden, angeleitet von Christophe Rude, über das Phänomen Zeit, ihre Dehnbarkeit und ihre Neigung, sich immer dann zu beschleunigen, wenn man es gar nicht brauchen kann. Rude, Leiter der Akademie "Kinder Philosophieren", ist Forstinninger, das "Philosophische Café" will er zur vierteljährlichen Einrichtung machen. Und kein Thema hätte sich, angelehnt an den Namen des noch jungen Cafés, besser angeboten.

Kreuz und quer durch den Kreis flog Rudes regenbogenfarbener "Gesprächswuschel", ein haariger Ball, und wer ihn hatte, bekam die Gelegenheit, zu reden, ein paar Minuten, die vielleicht für ihn schneller vertickten als für alle anderen, die gerade nur zuhören durften. Denn jeder erlebt die Zeit anders in jedem Augenblick. Schon jene Anfangsminute, in der die Runde auf die Bitte des Moderators im Stehen die Augen geschlossen hatte, um sich je nach eigenem Empfinden wieder hinzusetzen, dauerte 30 Sekunden für die einen, fast 120 aber für andere.

"Täusche ich mich, oder haben sich die jungen Leute später wieder hingesetzt als die Älteren?", fragte eine Dame, die wohl schon die zweite Hälfte ihrer Lebenszeit erreicht hatte. Aber was ist das schon, Lebenszeit? "Je älter ich werde, desto schneller verrinnt sie", sagte ein ebenfalls älterer Herr, und fügte hinzu: "Meine These ist: Auf je mehr Zeit man zurück blicken kann, desto mehr schrumpfen die Augenblicke zusammen." Ein schrecklicher Gedanke, dem eine Dame mit grauen Haaren eine andere Erkenntnis gegenüber stellte: "Je bewusster man lebt, desto weniger spielt die Zeit eine Rolle." Und das müsse - die These fand viel Beifall -, für Arbeit wie für Freizeit gelten, fremd oder selbst bestimmte Augenblicke.

Schlimm sei diese Unterscheidung in Arbeit und Freizeit ohnehin, sagte ein junges Mädchen, schlimm dieses Predigen vom allein selig machenden Wochenende, vom "gesegneten Zustand Freizeit", erklärte ein älterer Herr. Vielmehr könne selbst das bewusste Ausräumen des Geschirrspülers oder das entschiedene Umblättern einer Seite das Verrinnen der Zeit zur Nebensächlichkeit machen, "da geht eine ganze Welt auf", sagte die grauhaarige Dame. Und überhaupt sei doch Zeit nichts anderes als eine gesellschaftliche Übereinkunft, "wenn wir sie nicht hätten, würden wir von Augenblick zu Augenblick leben". Oder von Sonnenaufgang zu Sonnenuntergang - und wieder von vorne. Vielleicht sei es gar nicht richtig, die Zeit in Minuten und Sekunden zu messen, erklärte ein junger Mann, vielleicht komme es auf den Zeitpunkt an, nicht auf die Zeitspanne.

Vielleicht aber brauchen wir die Minuten und Stunden doch, mutmaßte die Chefin des Cafés, Angela Stimmer. "Diese Festlegungen, die uns ermöglichen, uns irgendwann zu treffen, weil wir sonst immer aneinander vorbei rennen würden". Für diesen Abend hatte sie gewiss Recht, und wenn auch diese Stunde ebenso mitleidlos verrann wie alle anderen, so brachte sie doch eine Erkenntnis: Dass wir mit den grauen Herren in uns selbst zu keiner Zeit einen Vertrag abschließen dürfen.