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Beim Kulturverein Zorneding-Baldham:Beethoven zur Essenz verdichtet

Martinsstadl Saisonauftakt

Bieten in Zorneding "hochkonzentrierte Sinfonik": Karla Haltenwanger (Klavier), Birgit Erz (Violine) und Ilona Kindt (Violoncello) vom "Boulanger Trio" zusammen mit der Flötistin Christina Fassbender.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Christina Fassbender und das "Trio Boulanger" öffnen den Klangraum im Martinstadl Zorneding mit furiosen Perspektivwechseln

Von Ulrich Pfaffenberger, Zorneding

Eine Sinfonie statt in großem Orchester in Kammermusikbesetzung aufzuführen, ist unter den gegenwärtigen Bedingungen ein gangbarer Weg, um Konzerte überhaupt stattfinden zu lassen. Sofern entsprechende Literatur vorhanden ist, verfügt dieser Weg sogar über eine bewährte Kartierung. Zum Start des neuen Kammermusikzyklus des Kulturvereins Zorneding-Baldham kam das Publikum gleich in den doppelten Genuss dieser Variante: Das Boulanger Trio spielte zunächst Beethovens 2. Sinfonie und dann - um die Flötistin Christina Fassbender zum Quartett erweitert - die 3. Sinfonie "Eroica".

Karla Haltenwanger (Klavier), Birgit Erz (Violine) und Ilona Kindt (Violoncello) erfüllten dabei auf den Punkt genau das Versprechen aus dem Programmheft. "Hochkonzentrierte Sinfonik" lautete dort die Überschrift zum gewählten Kammermusikformat. Neben dem "aufführungspraktischen Mehrwert", den schon frühere Generationen von Musikern und Veranstaltern mit knappen Ressourcen zu schätzen wussten, inspirierten solche Fassungen "zum Perspektivenwechsel auf einst revolutionäre, mittlerweile aber allzu oft gehörte Werke", merkte Eva Katharina Klein in ihrem einführenden Aufsatz an.

Tatsächlich verschafft die Entflechtung der Stimmen der 2. Sinfonie einen geradezu frühlingshaft-leichten Schwung, strahlt spürbar mehr Lebensfreude aus, als es die orchestrierte Fassung erlaubt. So beherzt, wie das Trio die vier Sätze interpretiert, stehen sie im überraschenden Gegensatz zur depressiven Lebensphase Beethovens, der sich zum Zeitpunkt der Komposition schon unausweichlich mit seiner Taubheit konfrontiert sah. Die Aussage ist umso klarer und eindringlicher, als der komprimierende Tonsatz weniger dialogisch angelegt wirkt als das Original - und als bei dieser Besetzung zu erwarten wäre. Es spricht für das Können und die jahrelange Vertrautheit der drei Streicherinnen, dass sie, jeweils in Vertretung ihrer Instrumentalgruppe, ihr Spiel so anlegen, dass es doch wieder zum gemeinschaftlichen Erlebnis wird, "kon-zertiert" im besten Sinne. Der feingliedrige Ausklang des 4. Satzes und damit der ganzen Sinfonie gleicht dem eleganten Flügelschlag des (musikalischen) Schutzengels, dem sich Beethoven vielleicht anvertraut hat - Idee und Ausführung sind eines Streichquartetts würdig.

Unter der gleichen Prämisse, aber erweitert um die - in diesem Fall unverzichtbare - Bläsergruppe vermittelt die "Eroica" einen ganz anderen Eindruck. Von Anfang an gruppieren sich Streicherinnen und Flötistin eng um die tonangebende Pianistin, liefern eine Demonstration von Geschlossenheit unter maximaler Individualität. Dass sie das dürfen, ist Johann Nepomuk Hummel zu verdanken, dem kongenialen Arrangeur sowohl bei Mozart als auch Beethoven. Gerade in der verdichteten Form gibt er sich als einer zu erkennen, der's nicht nur kann, sondern auch verstanden hat, den Geist der Urheber unverfälscht wirken zu lassen. Dies hören zu dürfen macht eine solche Aufführung schon zu einem Erlebnis, das weit über den zitierten Perspektivwechsel hinausreicht. Es mag paradox klingen, aber: Über den Umweg Hummel wird die 3. Sinfonie noch mehr Beethoven, als sie es sowieso schon ist.

Immer wieder ergeben sich hochdramatische Momente, etwa wenn sich Cello und Klavier mit Vehemenz in eine Orgie kraftvoller Akkorde stürzen oder wenn Fassbender die Bläsersätze mit ihrer Flöte so plastisch darstellt, dass man Oboe, Horn und Co. gar nicht mehr vermisst. Geradezu cineastische Qualität erreichen die Tanzschritte, mit denen sich Violine und Klavier durch den Klangraum bewegen und die Anklänge an die "Prometheus"-Ballettmusik, die Beethoven hier verarbeitet hat, mit beflügelnder Intensität einfließen lassen. Während gerade in den Motiven des ersten Satzes die Ohrwürmer der Eroica unverkennbar sind, ist die verdichtete Fassung in der Folge mitunter fast schon atypisch und in ihrer Modernität ein Vorgriff auf das Nachleben des Komponisten. Die Begeisterung des Trios für die Musik des 20. Jahrhunderts, ausgehend von ihren Vorbildern Nadia und Lili Boulanger, verbündet sich mit diesem Angebot zu einer mitreißenden, dynamischen Vision.

Welche Freude eine solche Aufführung auch bei den Instrumentalisten auslöst, lässt das Ensemble im 4. Satz der Eroica erkennen. Nach dem frech-forcierten Einstieg, der mustergültig gelingt, überzieht ein breites Lächeln das Gesicht von Birgit Erz, die damit ihre Mitspielerinnen ansteckt. Diese Freude findet nach dem furiosen Finale, vielleicht einem der feurigsten, die der Martinstadl je gehört hat, auch das Publikum. Es spickt seinen kräftigen, lang anhaltenden Applaus immer wieder mit Bravorufen. Jeder einzelne hochverdient, welcher der vielen Genüssen des Abends auch immer der Auslöser dafür gewesen sein mag.

© SZ vom 29.09.2020

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