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Auftritt in Pliening:Anker im Sturm der Zeit

Vor vollem Haus - beziehungsweise Stadel - spielen die Scharivaris in Ottersberg. Seit mittlerweile 42 Jahren begeistert die Band ihr Publikum mit Wohlfühlmusik genauso wie mit Sozialkritik.

(Foto: Christian Endt)

Beim Konzert der Band "Schariwari" wird der Ottersberger Kulturstadel zum Hafen der Gefühle

"Wenn ma damals d'Augen aufg'macht hätt', dann hätt' ma scho g'sehn, wo's hi'geht." Gerade sind die letzten Töne von "Der Mensch geht vor" verklungen, da sagt Günther Lohmeier, Leadsänger der Band Schariwari, diesen Satz, begleitet von einem Seufzer und zustimmendem Murmeln im Publikum. Der Ottersberger Kulturstadel ist bis auf den letzten Platz besetzt und die Hits des Quartetts, das seit 42 Jahren auf der Bühne steht, bewegen nicht nur die Herzen ihrer Zuhörer, sondern auch deren Lebensgefühl. "Das Meer, es hat zu dienen, als größte Abfallgrube dieser Welt" haben die Kirchseeoner schon 1979 in die Zeilen dieses Lieds geschrieben und so zieht Lohmeier, letztes verbliebenes Gründungsmitglied, jetzt Resümee: "Eigentlich schad', dass wir das noch immer singen müssen."

Dabei ist die Band nach wie vor alles andere als auf Protest und Krawall gebürstet. Die oft balladenhaft angelegten Melodien, allen voran die "Sommernacht", geben dem Publikum eher das Gefühl von einer Welt, die sich mit einem guten Lied wieder halbwegs in Ordnung bringen lässt. Aber wenn diese heile Traumwelt in Gefahr ist, dann braucht es eben ehrliche Worte, um sie abzuwenden. Es fällt auf, dass die Sänger in diesen Momenten aus dem Bairischen ins Schriftdeutsche wechseln, vielleicht darum, damit sich keiner darauf herausrede, er habe die Mundart nicht verstanden. "Hätt' ma bloß auf'd Schariwari g'hört", meint der Sänger dazu, dann wäre die Welt in einem besseren Zustand.

Aber vielleicht, fügt er an, müsse man die Sache genau umgekehrt betrachten: In welch schlimmerem Zustand wäre der Planet ohne das Zutun der Band? In der Tat braucht man nur hinzusehen, wie häufig sich anwesende Paare wissend und versonnen in die Augen schauen, die Hände in- und die Arme umeinander legen, um zu spüren, wie sich deren gemeinsames Leben mit und nach Schariwari-Konzerten "Seit gestern Nacht" verändert und vervielfacht hat. "I moan's bloß guad mit dir", "I brauch' di zum Leb'n" oder "I frei mi auf di": Wer braucht da für Liebesbotschaften noch ein Mixtape (heute: Playlist), wenn man das live auf dem Tanzboden unterstützend kommuniziert bekommt?

Die gereifte Lässigkeit von mehr als vier Jahrzehnten lässt die Schariwaris von 2019 zwar nicht butterweich werden, verleiht ihrer Musik aber das sahnig-süffige Hineinschmelzen in Gehörgang und Gemüt, wie es die Nachtisch-Tiramisu am Kulturstadel auszeichnet. Manchmal blitzen in den Melodien ein paar karibische Zitate auf, etwa wenn Rudi Baumann bei "Lass' de Sonna" mit den Fingern über die Saiten seiner Gitarre flaniert, manchmal wird es mitreißend groovig, weil Franz Meier-Dini so kräftig seinen Bass ins Spiel bringt, dass die Gläser auf den Biertischen brummen. Stevie Moises am Schlagzeug wiederum hat genau das richtige Taktgefühl, um den Herzschlag der Zuhörer zu beschleunigen oder herunter zu dimmen. Genauso wie Lohmeier es perfekt versteht, seinen Gesang so fein auf die Botschaft abzustimmen, dass es sich anhört, als sänge er zu jedem persönlich. Im Zusammenklang entsteht bayerischer Folk-Rock in Reinkultur, weil er den zugewanderten Blues genauso zu integrieren versteht wie den überfliegenden Funk. Dass sie darüber den Unterhaltungswert nicht vergessen, den körperlichen Impuls für die Tanzbarkeit ihrer Lieder, das zeichnet die altgedienten Profis aus. Dem stehen daher auch die Mitsing-Nummern wie "Drachen" oder "Kirchseeoner Frösche" keinen Deut nach, in denen sich das Liedermacher-Können der Gruppe ebenso widerspiegelt wie in ihrer kultivierten Dreigesangs-Qualität, von denen Songs wie "Leit, schaugt's ma ins G'sicht" oder "Wieda do" getragen sind.

Es mag bei solchen musikalischen Unikaten dem untrainierten Betrachter manchmal schwerfallen, die wahre Qualität der Schariwaris zu erkennen, denn es fehlt der Vergleichsmaßstab. Sie sind eben nicht ein bisschen Haindling oder ein bisschen Ambros, sondern 22 Titel lang sie selbst, auch am Hof von Rudi Zapf. Ein einziges Mal geben sie Gelegenheit, sich messen zu lassen: Als sie ihre selbst arrangierte, auf Bairisch umgeschriebene Version von Lou Reeds "Walk on the Wild Side" spielen und dem Blaubeer-Toni einen Tempowechsel reinpfeifen, dessen geniale Umsetzung einem den Atem stocken lässt. Musik wie die von Schariwari schenkt uns die Anker, damit uns die Stürme der Zeit nicht ins Nirgendwo vertreiben. Das Publikum dankt mit Applaus voller Hingabe - und voller Dank, dass man 42 Jahre jünger nach Hause gehen darf, als man hergekommen ist.

© SZ vom 12.08.2019
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