Auf Gut Georgenberg Von der Idee zur Kunst

Zum zweiten Mal zeigen neun Künstler eine Auswahl ihrer Werke. Ein Sammelsurium, in dem man viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede entdecken kann

Von Johanna Feckl

Es gibt Dinge und Ideen. Das eine ist konkret. Der Stuhl zum Beispiel, auf dem jemand sitzt. Das andere ist abstrakt, es ist nichts zum Anfassen oder Sehen. Das Versprechen etwa, das man heute Morgen dem Barista seines Vertrauens gegeben hat: Die einsachtzig für den Espresso bringe ich dir am Nachmittag. Den Stuhl auf einem Bild darzustellen, ist recht einfach, dazu braucht es nur ein paar wenige Striche. Bei einem Versprechen sieht das schon schwieriger aus.

Stefan Kleinhanns interessieren genau solche kniffligen Herausforderungen. Er ist einer der neun Künstler, die an diesem Wochenende auf Gut Georgenberg ausstellen. Die "Kunsttage", so der Titel der Schau, findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Kleinhanns war auch bei der Premiere im Jahr zuvor schon mit dabei. Nun hat er unter anderem sein Werk "Das Versprechen" in den großen Raum mit den hohen Decken und Holzvertäfelungen gehängt. "Ein Versprechen muss man tragen", sagt er. "Es hat ein ordentliches Gewicht." Er zeigt auf das Bild hinter sich: Eine riesige, lang gezogene Schneckenhausmuschel prangt auf der Leinwand. Dahinter ist ein Mensch zu erkennen, der das Ungetüm mit den Armen umschließt, ein fester Griff. Die Muschel ist überwiegend in hellen Farben gestaltet, sandig, ihr Träger in einen hellrosa Anzug gekleidet. Freundlich sieht das aus, Muschel und Mensch harmonieren. "Was Schönes und was Schweres", so Kleinhanns. In seiner Kunst geht es ihm um Verdichtung.

Helga Zellner streichelt den Ton.

(Foto: Christian Endt)

Genau das Gegenteil von Verdichten, wenn man so will, macht Helga Zellner, sie höhlt ihre Werke aus. Sie zeigt Tonfiguren, kleine Menschen, manchmal von oben bis unten dargestellt, ein anderes Mal nur der Kopf. Gemeinsam haben alle Skulpturen, dass ihr Innenleben leer ist. Wären sie nicht hohl, würde der Ton beim Brennen im Ofen platzen, erklärt Zellner. Ihre Skulpturen formt sie per Hand. Wobei: Eigentlich forme sie gar nicht, sagt sie. Sie streichele ihre Figuren herbei, Stück für Stück, langsam und sachte.

Mit Ton beschäftigt sich auch Michaela Schulte, die zusammen mit Gertraud Viktor die "Kunsttage" organisiert. Sie arbeitet allerdings auf ganz andere Weise mit dem Material. Ihre Skulpturen sind mehr als Skulpturen, ein Tonwerk zum Beispiel, ein kleiner Quader. Auf der Vorderseite ist ein Muster zu sehen. Hineingestempelt, sagt die Künstlerin. Oben kann man durch drei Löcher, jeweils mit einem Durchmesser von wenigen Zentimetern, in das Innere des Quaders blicken. Diese Löcher sind es, die die Skulptur zu einem Gefäß machen. Man könnte beispielsweise getrocknete Blumen hineinstecken. Ein Werk, das irritiert. Erst recht, wenn man darauf klopft: Das Geräusch klingt hell, gar nicht wie Ton, sondern eher wie Metall. "Das kommt daher, weil der Ton sehr dicht ist, wenn er wie hier bei 1100 oder 1200 Grad gebrannt wird", erklärt Schulte.

Hinter den Skulpturen von Schulte hängen einige ihrer Bilder. Zu Teilen sind dies Ölgemälde mit einer milchigen Wachsschicht bedeckt. Wie auch bei Katja Gramann, zumindest wenn man ihre Collagen betrachtet. Zunächst zerreißt sie dafür aber sogenanntes Chicopapier, ähnlich dem Seidenpapier. Die Fetzen, meist Dreiecke in diversen Variationen, färbt sie mit verschiedenen Farben und klebt sie dann nach und nach, mal so und mal anders angeordnet, auf die Leinwand. Dieses Schichtprinzip lässt in den Bildern eine Tiefe entstehen, fast so, als ob man hineingreifen könnte. Und als letzten Schritt überzieht Gramann ihre Werke eben mit Wachs. Dadurch entsteht der Eindruck, jemand habe die Bilder mit einem analogen Instagram-Filter bearbeitet, mit einem Weichzeichner.

Mit der Verwendung unterschiedlicher Materialien, um damit ein Bild schichtweise aufzubauen, kennt sich eine weitere Künstlerin aus. In ihrem Werk "Heute ist das Glück mein Kleid" hat Andrea Matheisen bis zu 20 Schichten verarbeitet: Kohle, Grafit, Pigmente, Ölfarbe, Acryl - um nur einige Werkstoffe zu nennen, mit denen Matheisen hier gearbeitet hat. Entstanden ist ein Gemälde, in dem unglaublich viel passiert. Manches ist nur angedeutet, so wie ein paar Striche, die einem Schlüsselbund gleichkommen könnten, oder zwei andere Linien, die für manchen wie ein Herz aussehen. Man muss an Freiheit denken - dort ist auch viel los. Im Kontrast dazu steht eine Person in einem Kleid auf der linken Bildseite in einem Rahmen.

Erika Prabst, Gertraud Viktor und Anette Koch widmen sich gerne floralen Motiven. Die Herangehensweise aber könnte dabei vielfältiger kaum sein. Prabst etwa malt abstrakt, vom dunklen Hintergrund bis zur hellen, knalligen Blüte. Bis auf eines sind alle Bilder, die sie auf Gut Georgenberg ausstellt, in diesem Jahr entstanden. "Einen Zyklus muss man durchzeichnen, sonst verliert man den Anschluss an seine eigenen Werke", sagt sie. Noch abstrakter scheint Viktor an ihre Werke heranzugehen. Skizzen hat sie für keines der Blumenbilder angefertigt, sie male einfach immer drauf los. "Manchmal fahre ich dann irgendwo entlang und entdecke auf einmal eines meiner Gemälde in der Landschaft", erzählt sie. Anette Kochs Bilder findet der geneigte Betrachter auch in der realen Welt wieder, denn meistens greift sie auf Fotos als Vorlage zurück. So auch bei einem Pusteblumen-Bild: Sie erinnert sich noch gut, wie sie in diesem Feld voller verwelktem Löwenzahn lag und ein Foto nach dem anderen knipste.

Fotos sind auch für Achim Booth wichtig, sein neuestes Werk beruht auf einer Fotografie, das an der Küste von Marseille entstanden ist, es zeigt eine Art Flohmarkt. Booth zeichnet aber nicht einfach ab, es geht ihm darum, die Realität mit dem Pinsel zu verändern. Da gibt es dann das Haus, in dessen Fenster sich ein imaginärer Berg spiegelt. Oder Schmetterlinge, die surreal groß sind - viel mehr Idee als Ding.

"Kunsttage" auf Gut Georgenberg bei Glonn: Geöffnet hat die Ausstellung am Samstag, 23. März, und Sonntag, 24. März, jeweils von 11 bis 18 Uhr. Vernissage ist am Freitag, 22. März, um 18 Uhr.