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Anzing:Humorvoller Durstlöscher

Kabarett im Weinbeisser

Philipp Weber bringt die Gäste des Weinbeißers mit seinen Sketchen zum Thema Alkohol zum Lachen, hat aber auch ernste Gedanken auf Lager.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kabarettist Philipp Weber gibt den Auftakt für das neue Programm im Weinbeißer

Der Alkohol ist Teil unserer deutschen Kultur und nicht nur ein Genuss-, sondern auch Suchtmittel. "Aber was soll man in einem Dorf wie Anzing auch anderes machen als zu trinken?", fragt Kabarettist Philipp Weber. An einem langweiligen Ort, an dem sich Hase und Igel nicht gegenseitig gute Nacht sagen, sondern Sterbehilfe leisten. Egal ob Wein, Bier, Kaffee oder Red Bull - in seinem Programm "Durst - Warten auf Merlot" kann Weber stundenlang von jedem erdenklichen Durstlöscher, dessen Qualität und Inhaltsstoffen erzählen. Einen geeigneteren Ort als den Anzinger Weinbeißer hätte er sich dafür nur schwerlich aussuchen können.

Das Feuer im Kamin wird angezündet und trägt zur urigen und griabigen Atmosphäre bei. Erst im September 2016 wurde der Weinbeißer nach aufwendiger Modernisierung und mit neuen Pächtern wiederöffnet. Doch dem einstigen Kulturprogramm muss nicht nachgetrauert werden, denn der ehemalige Wirt Conny Hoffmann sorgt auch jetzt wieder für abwechslungsreiche Veranstaltungen. Einmal im Monat lockt der Organisator Künstler wie die Band Just Skiffle und den österreichischen Kabarettisten Ludwig Müller in den Weinbeißer.

Den Auftakt macht am Mittwochabend Philipp Weber aus dem bayerischen Amorbach. Schon einmal sei er im Weinbeißer gewesen, berichtet er, und er staunt nicht schlecht, dass ihm dieses Mal sogar eine kleine Bühne zur Verfügung gestellt wird. Hektisch gestikulierend und mit lauter Stimme startet Weber mit seinem Programm. Sein knallblaues T-Shirt mit der Aufschrift "Durst" lässt unschwer erraten, worum es geht - um die deutsche Alkoholkultur. Dazu hält Weber auch Zahlen bereit: 25 000 Jugendliche landeten jährlich mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Dass es 27 000 Rentnern nicht anders ergehe, werde aber gerne vergessen. Doch wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch Wasser trinke, hätte er wohl nicht so viel davon gesalzen, so Weber, der einmal Chemie und Biologie studiert hat und sich selbst auch "Verbraucherschützer" nennt.

Anfangs gibt Weber ein paar althergebrachte Witze rund ums Thema Alkohol zum Besten, die das Publikum jedoch sofort mitreißen. Ohne aufdringlich zu wirken, bezieht er die Gäste in seine Ein-Mann-Show mit ein. Er erzählt von einem Wein-Pilgerweg, den es offenbar in Österreich gibt, von seinem angeblich erheblichen Alkoholkonsum und dem alkoholkranken Onkel Rudi - eine Figur, die wie ein roter Faden durch den Abend führt.

Bei aller Liebe zum Humor und vor allem zu teurem Wein - auch ernste Themen lässt Weber nicht außer Acht. Und auch dies stößt beim Publikum auf Zuspruch. Zum Beispiel widmet sich Weber dem wichtigsten Getränk des Menschen - nein, nicht dem Wein, sondern dem Wasser. Filteranlagen müssten produziert werden, die das Wasser von Medikamenten reinigten, erklärt er. So aber zahle man in manchen Restaurants 26 Euro für eine Flasche Wasser, weil dieses angeblich von den Fidschi Inseln importiert wurde.

Der Kabarettist kombiniert spannende Zahlen und Fakten mit viel Witz und Humor. So hat er auch einen Tipp für die Frauen im Publikum parat, ein Ratschlag, der die Umwelt schont. Für die Herstellung von Kleidung werde viel Wasser und Baumwolle benötigt - von "weniger ist mehr" hätten also alle etwas. Allem Anschein nach greifen einige Gäste die Gedanken Webers gleich auf: In der kurzen Pause wird häufiger Wasser und weniger Alkoholisches bestellt.

Alkohol sei aber bei weitem nicht die einzige weit verbreitete Droge, fährt Weber fort. Medikamente zählten zu den schwersten Suchtmitteln und würden häufig verschrieben, obwohl man sie gar nicht brauche. Die Gratwanderung zwischen Medizin und Droge sei eine schmale und hänge von der Gesellschaft ab, ist Weber überzeugt. Heroin, so fügt er hinzu, sei einst als Hustensaft verwendet und Opium sogar Kindern verabreicht worden. Zudem sei es in der heutigen Zeit schwer, über psychische Krankheiten zu sprechen, denn diese gälten nach wie vor als Tabuthema. Er, so erklärt Weber, warte noch darauf, dass Arbeit als Krankheit angesehen werde. Dagegen helfe aber anscheinend auch nur der Alkohol.

Eigentlich, so Webers Schlussfolgerung, gehören Warnhinweise nicht auf Zigarettenschachteln, sondern auf Alkoholflaschen. Alkohol lösche den Durst, aber nur die Liebe sei in der Lage, den Durst der menschlichen Seele zu löschen. Daraus folgt: Alkohol sei zwar der Feind, "doch in der Bibel steht geschrieben, deinen Feind, den sollst du lieben." Beim teilweise berauschten Publikum sorgt auch dieser Spruch wieder für Lachanfälle.

© SZ vom 18.02.2017
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