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Abiturienten im Landkreis Ebersberg:Den ersten Gipfel erklommen

505 Abiturienten dürfen die Strapazen der vergangenen Monate vergessen: An den vier Gymnasien im Landkreis werden die Reifezeugnisse feierlich verliehen.

Im Gymnasium Kirchseeon betreten die Abiturienten die Aula auf dem roten Teppich.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Ein schlichter grauer Teppich bedeckt den Fußboden der riesigen Halle. Am einen Ende ragt die Bühne empor - verziert mit dem silbernen Schriftzug "Abi". Von ihr aus schlängelt sich ein roter Teppich zwischen zahllosen Stuhlreihen mit erwartungsvoll dreinblickenden Eltern hindurch nach hinten, wo sich 174 glückliche Abiturienten des Humboldt-Gymnasiums in Vaterstetten fein säuberlich aufgereiht haben. Schicke Anzüge, elegante Abendkleider, aufwendige Frisuren schmücken die jungen Erwachsenen - und damit den ganzen Saal.

"Noch vor einigen Wochen war diese Halle gefüllt mit Flüchtlingen", sagte Rüdiger Modell, Direktor des Humboldt-Gymnasiums, gleich zu Beginn der Abiturientenverabschiedung am Freitag. "Es ehrt Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dass viele von Ihnen für sie auf das Fest hier verzichtet hätten." Doch der Schulleiter sei trotzdem froh, dass man eine andere gute Lösung gefunden habe. Viele der Flüchtlinge hätten nicht das Glück einer höheren Schulbildung gehabt, erinnerte Modell die Abiturienten und mahnte vor der Verantwortung, die damit einhergeht - für Mitmenschen und für die Gesellschaft. "Doch ich bin sicher, dass Sie auch diese meistern werden."

Dass sie auf jeden Fall für eine erfolgreiche Zukunft kämpfen werden, zeigte ihr Motto "Abi heute - Captain Morgan". Passend dazu waren die Schüler zum Titelsong des Films Pirates of the Carribean eingelaufen. Die erste Vorsitzende des Elternbeirats, Sabine Pillau, griff dieses Thema auf und lobte: "Noch nie habe ich so schicke Piraten und Piratenbräute gesehen."

Die Abiturienten des Gymnasiums Grafing, hier Quirin Jander, erhalten in der Stadthalle ihr Zeugnis.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

In der Stadthalle Grafing ließen Gianna Binder und Thabo Huntgeburth stellvertretend für die 106 Abiturienten des Grafinger Gymnasiums ihre Schulzeit Revue passieren, die sie mit einer Beziehung verglichen. Am Anfang noch aufregend und leichtfüßig, wurde das Gymnasium immer besitzergreifender, "du musstest mit deinen Hin- und Verweisen immer das letzte Wort haben". Einige hätten das nicht ausgehalten, "sie haben dich mit dem Kirchseeoner Flittchen betrogen", sind also in das Gymnasium im Nachbarort gegangen. Doch zum Schluss habe man eine seriöse Beziehung geführt, "plötzlich war eine Eins für jeden von uns erreichbar".

Bei so viel Redegewandtheit wollte Landrat Robert Niedergesäß, selbst ein viertelter Grafinger, wie er nicht zum ersten Mal betonte, offenbar nicht das Nachsehen haben. In seiner hauseigenen, wenngleich überschaubaren Bibliothek habe er ein Werk gefunden, das ihn für die Abirede inspiriert habe: Wilhelm Buschs "Max und Moritz". Und so dichtete Niedergesäß, der sich selbst als "spaßaffinen, nicht besonders guten Schüler" beschrieb, etwas holprig: "Hier im Schötz'schen hohen Hause verginge die Zeit hier auch in Sause." Und schloss mit den Worten: "Dieses war mein letztes Wort, und ich setze mich sofort."

Direktor Paul Schötz verglich anschließend die Reise, die die jungen Menschen nun vor sich haben, mit einer Bergtour: Es werde immer wieder Momente geben, in denen man rasten, aufbrechen oder sogar umdrehen möchte. Mancher Gipfel wird zu hoch sein, für manche Ziele reicht die Kraft nicht. Doch, so betonte Schötz, sei es wichtig, die Nebengipfel im Blick zu haben und auch den Nebenmann, damit auch der sein Ziel erreicht.

Im Gymnasium Kirchseeon fand in diesem Jahr bei der Abiturientenverabschiedung wie in Vaterstetten die aktuelle Weltpolitik Beachtung. "Es ist gerade jetzt besonders wichtig, dafür zu sorgen, dass Bildung einen entsprechend hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat", betonte die Schulleiterin Gabriele Söllheim. Sie erinnerte sich daran, wie 2008 der Schulbetrieb aufgenommen wurde. "Ihr wart damals als Sechstklässler die sogenannten Zweitgeborenen", sagte sie. Und diese gelten in der Forschung als "trickreiche Lebenskünstler", die gerne besser sein möchten als andere. So hatten die Schüler tatsächlich den Titel "Beste Klasse Deutschlands" erhalten und im Laufe der Jahre zahlreiche Auszeichnungen für sich gewonnen. Doch dass sie ihre Sache sehr gut gemacht haben, zeigten vor allem die 96 Zeugnisse, die die Direktorin am Freitag überreichen konnte.

Vor allem in die Zukunft schauten in Markt Schwaben die 129 Abiturienten des Franz-Marc-Gymnasiums und ihr Schulleiter Gerhard Dittmann. "Eine der meistgehassten Fragen an frischgebackene Abiturientinnen und Abiturienten ist: ,Was hast du denn jetzt vor?'", begann der Direktor seine Ansprache. Sie habe etwas Forderndes. Und das jetzt, nachdem die Schüler gerade erst die letzten Prüfungen und die ganze Paukerei hinter sich haben. Es sei ein Dilemma: "Die Freiheit spüren wollen und gleichzeitig wissen, dass Dinge getan werden müssen, die die Freiheit wieder einengen." Doch glücklicherweise für die jungen Erwachsenen bringt Dittmann seine Erfahrung und Ratschlag mit. Sie sollen es machen, wie ein Bergwanderer, der seinen Weg neu finden muss: Zeit nehmen bei den Überlegungen, Irrwege in der Anfangsphase akzeptieren, den eingeschlagenen Weg immer wieder überprüfen und - wenn nötig - den Mut haben, abzubrechen. Bei den Abiturienten schaue er in dieser Hinsicht auf jeden Fall beruhigt in die Zukunft.