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Abitur im Landkreis Ebersberg:Alles in der Schwebe

Fünf Abiturienten aus dem Landkreis Ebersberg sprechen über ihre Abschlussprüfungen im Coronajahr - und wie es danach für sie weitergeht. Mit ihren Lehrern sind sie zufrieden, mit den Maßnahmen von oben allerdings nicht so wirklich

Von Alexandra Leuthner und Nathalie Stenger, Grafing/Kirchseeon

Um zwei Wochen sind die Abiturprüfungen in Bayern nach hinten verschoben worden, weil die Gymnasiasten mehr Zeit zur Vorbereitung haben sollten. Statt am 30. April beginnen die Prüfungen nun erst am 12. Mai. In dieser ohnehin ungewöhnlichen Kursphase ist das eine von mehreren Maßnahmen, mit denen das Kultusministerium den Abiturienten im Coronajahr entgegen gekommen ist. "Das hat's gebraucht", stellt Michael Fuchs vom Max-Mannheimer-Gymnasium Grafing fest und bringt damit deutlich auf den Punkt, was ganz ähnlich auch die vier anderen Abschlussschüler sagen, die der SZ Ebersberg kurz vor dem Beginn der heißen Prüfungsphase noch Rede und Antwort gestanden haben. Drei von ihnen, neben Michael Fuchs sind das Melissa Dewar und Tobias Manegold, gehen in Grafing zur Schule, die anderen beiden, Sophia Zanner und Tobias Fluck, besuchen das Gymnasium in Kirchseeon.

Abiturientengespräch Grafing, Melissa Dewar,

Melissa Dewar.

(Foto: privat)

Im Vergleich zu anderen Jahren sei die Pause zwischen Notenschluss - am Freitag vergangener Woche - und der ersten Prüfung doch relativ kurz, erklärt Sophia Zanner. "Und wir haben wirklich bis zum letzten Tag noch Noten gemacht." Mit etwas mehr Vorlaufzeit "hätten wir vielleicht schon früher den Fokus auf die Prüfungen legen können". Viele Mitschüler hätten noch nicht mal realisiert, "dass wir in eineinhalb Wochen Deutsch schreiben", sagt ihr Mitschüler Tobias Fluck. Andererseits - darauf weist Michael Fuchs hin - habe so Stoff aufgeholt werden können, der früher im Jahr verloren gegangen sei, insofern sei die Maßnahme gerechtfertigt gewesen. "Jetzt können wir planen", sagt Fuchs, der gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert hat. Auch dass die Abiturienten auf diese Weise ihre Lehrer vor den Prüfungen noch öfter sehen konnten, sei hilfreich gewesen. Und was den Stoff angehe "wäre es sonst eng geworden, erklärt er. "Mit dieser Regelung sind wir näher an einem normalen Abitur dran als ohne." Sein Mitschüler Tobias Manegold, auch er ist 18, weist auf einen weiteren Vorteil der Verschiebung hin. So lägen jetzt die Pfingstferien zwischen schriftlichen und mündlichen Prüfungen, das bringe mehr Lernzeit.

Abiturientengespräch Grafing, Michael Fuchs

Michael Fuchs.

(Foto: privat)

An beiden Schulen, in Kirchseeon und in Grafing, sind die Schüler der Q12 seit einigen Wochen abwechselnd im Präsenz- und Wechselunterricht, manche Lehrer streamen aus dem Klassenzimmer, manche nur für die Daheimgebliebenen - geradlinige Abiturvorbereitung wie in normalen Jahren sieht zwangsweise anders aus. Auf ihre Lehrer wollten die Schüler dabei aber nichts kommen lassen. "Ich glaube, unsere Lehrer bereiten uns bestmöglich auf die Prüfungen vor", sagt Melissa Dewar, und es sei ihr auch egal, ob der Unterricht "in Echt oder per Video" stattfinde, "mir geht's um den Unterricht", ergänzt die 18-Jährige. Tobias Manegold ist nicht so überzeugt vom Distanzunterricht, in der Schule sei alles viel schlüssiger, "sonst starrt jeder nur in den Computer". Das sei schon schwierig, "weil der Raum für Fragen nicht so das ist". Und doch gebe es auch abseits des Unterrichts "sehr viel Interaktion", berichten die beiden Kirchseeoner Prüflinge, ihre Lehrer schauten sehr auf das Wohl der Schüler. Da könne man schon auch mal am Freitagabend oder Samstag telefonieren. Nichtsdestotrotz, und ohne allzu sehr jammern zu wollen, das viele Zuhauselernen, das diesen Jahrgang von anderen unterscheide, sei sehr anstrengend, sagt Sophia Zanner, "das raubt einem schon die Energie". Um so mehr begrüßen die Abiturienten den Wechselunterricht. Dadurch sei zumindest ein wenig Sicherheit in den Alltag gekommen, so Michael Fuchs' Einschätzung.

Doch auch diese Phase des Coronajahrs ist jetzt für die Q12-ler vorbei. Am vergangenen Freitag waren sie endgültig zum letzten Mal regulär in ihren Schulen, beim nächsten Mal betreten sie das Klassenzimmer zu ihrer Deutschprüfung. In sieben verschiedenen Räumen schreiben die Prüflinge in Kirchseeon, nicht wie sonst in der Turnhalle, und dürfen dabei ihre Masken nicht absetzen. Für die 16-jährige Sophia Grund zu Kritik am Kultusministerium: "Da hätte ich mir schon ein bisschen mehr Entgegenkommen gewünscht. Warum ist es in Hessen möglich, dass Abiturienten, die am Morgen getestet sind, ohne Maske schreiben, hier aber nicht?" Sicher, dafür bekämen die bayerischen Schüler eine halbe Stunde mehr Zeit, ob das aber die zusätzliche Belastung durch die Maske ausgleiche, da sei sie nicht so sicher. So richtig überzeugt sind die Abiturienten offenbar auch nicht von den Streichungen, die schon im vergangenen Herbst vorgenommen wurden: In Mathematik etwa fiel der Signifikanztest aus dem Anforderungskanon heraus, in Wirtschaft das Themenfeld Verbraucherschutz. Andere Fächer aber wie Deutsch oder Fremdsprachen mussten unverändert bleiben. Ohne Erleichterungen müssen auch jene Abiturienten auskommen, die ein Sport-Additum belegt haben. Obwohl sie deutlich weniger Trainingsmöglichkeiten hatten als ihre Vorgänger in früheren Jahren - etwa weil Schwimmbäder geschlossen hatten - müssen sie die gleichen Zeiten schwimmen. Schülersprecherin Sophia Zanner hat dafür nur ein Kopfschütteln übrig.

Dass die Abiturienten des Jahres 2021 aber nicht nur die ungewöhnlichen Umstände ihrer Prüfungsvorbereitung wurmen, sondern auch alles andere, was ihrem letzten Jahr im Gymnasium fehlt, kann man sich vorstellen. Abiball, Abistreich, die Q-Partys und alle Fahrten fallen aus. "Ich find's schade, denn das macht die zwölfte Klasse aus", klagt Melissa Dewar. "Alles was Spaß macht, fällt weg." Tobias Manegold stimmt ihr zu: "Das Zusammensein, der Gemeinschaftssinn fehlt uns." Jetzt hätten die Situation alle akzeptiert, sagt Michael Fuchs, "aber man hat lang dran gesessen".

Und wenn sie dann ihr Abitur in der Tasche haben, müssen sie sehen, wie es weitergeht. "Ich wollte nach dem Abi ein halbes Jahr arbeiten und dann verreisen, das hat sich mit Corona nun erledigt", sagt Dewar, sie habe sich jetzt für eine Ausbildung entschieden, als Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung. Den Platz habe sie schon, nun sei sie gespannt auf den Ausbildungsstart im Herbst. Manegold kann sein Praktikum bei einem großen Autokonzern pandemiebedingt nicht antreten, nun will er gleich studieren. "Ich habe aber keinen Bock von der Online-Schule zur Online-Uni zu wechseln", sagt er. Zum Studieren gehöre doch der Umzug in eine coole Stadt. Die Kirchseeoner Abiturientin Sophia versucht es mit Galgenhumor: "Klar, das Australienjahr, das fällt aus." Dabei hat sie selbst eben erst ihre komplette Zukunftsplanung umkrempeln müssen. Pilotin wollte die 16-Jährige werden, die in dieser Woche erst ihren 17. Geburtstag feiert, "das hat sich jetzt erledigt, das mit dem Flugverkehrs wird langfristig nicht mehr so werden wie es war". Tobias Fluck, Schülervertreter wie Sophia Zanner, träumt eigentlich von einem Auslandsstudium Politik oder Staatswissenschaften, doch das steht momentan ebenso in den Sternen wie die Pläne von Michael Fuchs, der gerne ein Jahr lang arbeiten und reisen würde. "Nach dem Abi ist man so frei und ungebunden wie nie", sagt er. Er sei eben dabei, Auslandsvertretungen anzuschreiben, ob sie Visa ausgäben, ob es Arbeit gebe. Und dann sei da noch die Frage, ob er sich bis zum Herbst impfen lassen könne. "Man ist voll in der Schwebe."

© SZ vom 07.05.2021
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